1.7 Digitaler Kolonialismus

von arola carrière

Bislang repräsentiert Afrika lediglich Ursprung und Ende der digitalen Wertschöpfungskette. Als Rohstoffquelle seltener Erden und als Müllhalde für digitale Hardware. Die Digitalisierung und vor allem auch die eigentliche Wertschöpfung finden woanders statt. Heute wird die Vernetzung Afrikas als das große Zukunftsprojekt und als zentrale Chance gefeiert, sich aus der Armut zu befreien.

In den USA und Europa verlangsamt sich das Wachstum der Tech-Giganten auf dem Gebiet der digitalen Erschließung bisher „unverbundener Regionen“. Hier gibt es bereits Sättigungserscheinungen, insbesondere bei den sozialen Netzwerken. Die am wenigsten angebundenen Länder liegen allesamt in Afrika. Dort arbeiten nicht nur Facebook und Google, sondern auch ihre chinesischen Kontrahenten aus dem Hause „Tencent“ und „Alibaba“ daran, ihre digitalen Netze über den nach Asien zweitgrößten Kontinent zu werfen. Per Ballon oder Drohne sollen auch die Bewohner*innen der entlegensten Regionen an- und ein-gebunden werden: Nicht nur einen Großteil der brachliegenden Produktivität, sondern auch soziale Prozesse anzapfen und reorganisieren, das ist erklärtes Ziel. Facebook geht hier besonders selbstbewusst vor.

Neokoloniale Bevormundung

Facebook gibt vor, mit seinem Angebot „Free Basics“ die Digitale Spaltung der Welt beseitigen zu wollen. Vier Milliarden Menschen, insbesondere im globalen Süden, will Facebook mit seinem Projekt erstmals ins Internet bringen. Doch statt auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung einzugehen, teilt der Werbekonzern das Internet in mehrere Klassen, versucht die Nutzer*innen auf die eigene Plattform zu lenken und sammelt dabei möglichst viele Daten über ihre Standorte und Gewohnheiten.

Dazu kooperiert das Unternehmen mit lokalen Mobilfunkanbietern und stellt „Free Basics“ als Handy-App in mittlerweile 65 Ländern Afrikas, des Mittleren Ostens, Asiens und Mittelamerikas bereit. In der App sind neben Facebook auch abgespeckte Versionen anderer Dienste sowie eine Reihe anderer Websites enthalten. Diese werden an die oftmals schwächere Netzinfrastruktur der jeweiligen Länder angepasst – ohne Bilder und Videos. Der Zugriff ist kostenlos. Wer auf den Rest des Internets zugreifen möchte, muss zahlen. Derzeit nutzen mehr als 50 Mio. Menschen das „Umsonst“-Angebot von Free Basics.

Facebook führt Leute nicht an das offene Internet heran, wo sie Dinge lernen, erschaffen und bauen können,“ sagt Ellery Biddle, Sprecherin der Medienaktivisten-Gruppe Global Voices. „Facebook baut dieses kleine Netz auf, das Nutzer zu passiven Konsumenten zumeist westlicher Inhalte macht. Das ist digitaler Kolonialismus.“

Die Suchergebnisse nicht unterstützter Suchmaschinen außerhalb des winzigen Angebots werden dabei angezeigt, aber mensch kann sie nicht anklicken. Das bedeutet, dass Nutzer*innen zwar die Überschriften vieler Artikel, aber nicht deren Inhalt lesen können. Fake News lassen sich so nicht erkennen. „Bei dem Angebot fehlen wichtige Webseiten, die Ghanaer nutzen wollen“, sagt Kofi Yeboah, der die App in Ghana untersuchte, und fügt hinzu, dass populäre Nachrichtenseiten wie „MyJoyOnline“ und“ CityFM“ komplett fehlen.

Die Daten aller unter Free Basics erreichbaren Webseiten werden durch die Facebook-App geleitet. Darüber hat Facebook Zugriff auf die Nutzungs-Häufigkeit und -dauer sowie die gelesenen Inhalte auch bei Dritt-Anbietern.

Vorzeigeprojekt „M-Pesa“

Kenia gilt als Silicon Savannah – sozusagen Afrikas Antwort auf das Silicon Valley der USA und Indiens Bangalore. Dortige Kund*innen eines Telefondienstanbieters hatten Telefonguthaben, das an andere Nutzer versendet werden kann, in ein Zahlungsmittel verwandelt. Wer Geld brauchte, dem wurde „air time“ überwiesen, die er dann mit Bekannten oder Nachbar*innen gegen Bares eintauschen konnte. Eine britische NGO entwickelte daraus ein System zur Verwaltung von Kleinkrediten. Schließlich kam bei der afrikanischen Vodafone-Tochter Vodacom, der Mutter von Safaricom, jemand auf die Idee, das Ganze zu einem Geldüberweisungssystem auszubauen.

Der Name setzt sich zusammen aus dem Kürzel „M“ für mobile und dem aus dem Swahili stammenden Wort „Pesa“ für Bargeld. Bereits nach einem Jahr nutzten zwei Millionen Menschen das Transfersystem. Die große Mehrheit war bis dahin von den herkömmlichen Geldinstituten links liegen gelassen worden. Wie in den meisten afrikanischen Staaten verfügten kaum zehn Prozent der Haushalte über ein Bankkonto.

Gut zehn Jahre nach seinem Start hat sich M-Pesa heute zum mit Abstand beliebtesten bargeldlosen Zahlungsmittel des Landes entwickelt. Jetzt kann man in Cafés, an Tankstellen oder bei Straßenhändlern per Handy zahlen. Auch die monatliche Stromrechnung oder das Schuldgeld lässt sich so begleichen. Da das Unternehmen vom Gesetzgeber nicht als Bank, sondern als Kommunikationsdienstleister betrachtet wird, hat der Staat die Summe pro Transfer auf 1.400 Dollar beschränkt.

Seinen Siegeszug hat das Geldüberweisungssystem auch in anderen Staaten des Kontinents fortgesetzt. Inzwischen sind mehr als 140 Anbieter in 39 afrikanischen Staaten aktiv. Und auch nach Albanien und Rumänien wurde die Technik mittlerweile exportiert.

Angebote wie M-Pesa und seine darauf aufbauenden Dienste kommen vor allem der afrikanischen Mittelschicht zugute – jener Gruppe von Menschen, die jährlich über mehr als 5.000 US-Dollar verfügen. Diese Gesellschaftsschicht wächst, doch das große Problem Afrikas ist seine Unterklasse, die in absoluten Zahlen ebenfalls wächst: Menschen, die von zwei US-Dollar und weniger am Tag überleben müssen.

Exitstrategie aus der Armut?

In Kibera, einem der großen Slums in Nairobi, gibt es mittlerweile eine den gesamten Slum abdeckende WLAN-Verbindung, für die man acht Cent pro Stunde oder zwölf Euro pro Monat zahlen muss. Genutzt wird sie hauptsächlich für Wetten und Glücksspiele. Dies wird vorherrschend als einzige Exit-Strategie empfunden, der Armut entkommen zu können. Die vermeintlich „segensreiche“ digitale Vernetzung transformiert durchaus Machtstrukturen, sie bietet den „Abgehängten“ und „Überflüssigen“ jedoch keineswegs aus sich heraus echte Teilhabemöglichkeiten. Die digitale Kluft (digital divide), also die unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten zu digitaler Infrastruktur, beschreibt die vielfältige „social divide“ nur unzureichend. Das „Vernichtsen“, also das Degradieren eben jener Überflüssiger in der Schuldenfalle funktioniert offensichtlich auch online.

Zweifelhaftes Leapfrogging

Die Hoffnung, dass zumindest einige Länder Afrikas dank neuer Technologien die Phase der Industrialisierung überspringen (leapfrogging) und direkt in der digitalen Moderne landen – und so den ökonomischen Rückstand zum Rest der Welt aufholen können, hat sich bislang nicht erfüllt. Sie wird es auch nicht, denn der Hochglanzprospekt von Landwirt*innen, die die Bewässerung und Düngung ihrer Äcker per Drohnen-Analyse optimieren können, ist ein Zerrbild, welches Infrastrukturprobleme auf eine „noch zu schwache“ digitale Infrastruktur reduziert. Ein Trugschluss, denn insbesondere die Digitalisierung schafft kaum Jobs. Firmen mit rein digitalen Geschäftsmodellen schaffen relativ wenige Arbeitsplätze und beschäftigen oftmals hoch qualifizierte Mitarbeiter aus dem Ausland in den afrikanischen Start-Ups.

Während 2007 noch weniger als vier Prozent der Menschen in Afrika Zugang zum Internet hatten, sind es nun bereits 30 Prozent. Dennoch haben Länder wie Südafrika und Nigeria gerade die stärkste Rezession seit zwei Jahrzehnten hinter sich – ohne dass die „mobile Revolution“ das hat verhindern können. Es geht um viel grundlegendere Probleme wie z.B. Bildung, die sich über die Digitalisierung nicht von allein lösen. Wer zu den 40% in Sub-Sahara Afrika gehört, die nicht lesen und schreiben können, schafft es überhaupt nicht ins Netz.

Offshoring im Callcenter

Nach der Installation des Unterseekabels Atlantis 2 im Jahr 2000 dauerte das Routing von Sprachdaten nach Europa nicht mehr als 80 Millisekunden. Das ermöglicht eine ausreichende Verbindungsqualität, die sich nicht von innereuropäischen Telefongesprächen unterscheidet. Das war der Startschuss für eine Reihe von Callcentern z. B. in Dakar. Hier konnte insbesondere französischen Kund*innen vorgetäuscht werden, sie würden einen Telefondienst einer Servicekraft in einem Kundencenter irgendwo in Frankreich in Anspruch nehmen.

Damit „durften“ Afrikaner*innen für ausbeuterische Preise und unter autoritärer Aufsicht Telefon-Dienstleistungen für Konsument*innen im Westen erbringen. Voraussetzung war das Antrainieren eurozentristischer bürgerlicher Verhaltensnormen in eigens dafür eröffneten Recruiting- und Training-Centern. Um als Callcenter-Mitarbeiter*in für französische Firmen angestellt zu werden, muss insbesondere der senegalesische Akzent „ausradiert“ werden.

Auch um diesen Sektor der Offshore-Dienstleistungen geht es beim Ausbau der europäischen Wirtschaftsbeziehungen der von Deutschland initiierten G20-Offensive „Compact with Africa“. Eine „Kooperation auf Augenhöhe“ ist hier eher nicht zu finden – neokoloniale Stereotype hingegen reichlich.

Das Geschäft mit den Daten

Was hingegen tatsächlich boomt, ist das Geschäft mit persönlichen Daten. Dank M-Pesa weiß Vodacom fast alles über Vermögen und Vorlieben seiner Kundschaft, auch darüber, wo sie sich gewöhnlich aufhalten. Für Unternehmen, die sich auf den kenianischen Markt begeben wollen, sind solche Informationen Gold wert. Ebenso verkaufen Google und Facebook nutzerspezifische Informationen, zumeist an Investoren außerhalb von Afrika.

Google bemüht sich bei BigData im Gesundheitsbereich, einen Fuß auf den Zukunftsmarkt Afrika zu bekommen. Immerhin prognostizieren die UN, dass in 30 Jahren 25% der dann 9 Mrd. Menschen betragenden Weltbevölkerung in Afrika leben werden. Googles erstes Forschungszentrum in Afrika soll Ende 2018 in Accra (Ghana) eröffnen. Forschungsschwerpunkt ist die Künstliche Intelligenz in der Gesundheit.

Das in Johannisburg, Südafrika, ansässige Versicherungs- und Investment-Unternehmen Discovery exportiert sein Vitality-Modell mittlerweile über den afrikanischen Kontinent hinaus weltweit in 19 Länder in den USA, Europa, Asien und Singapur. Das Gesundheits-Programm Vitality ist eines der konsequentesten Erziehungsprogramme, welches abhängig vom Bewegungs- und Ernährungs-Status der Kunden den Versicherungs-Tarif individuell anpasst. Die Generali hat als erste Krankenversicherung in Deutschland das Vitality-Programm übernommen und mietet die Datenauswertung als Dienst beim Partner-Unternehmen Discovery. Die paternalistische Gesundheitserziehung entwickelt sich zum Exportschlager, den u.a. die europäische Versicherungsbranche zur Entsolidarisierung und Ökonomisierung des Gesundheitswesens nutzt. Die Verantwortung für die eigene Gesundheit soll individualisiert werden. Ehemals alle betreffende „Zivilisationskrankheiten“ werden als Konsequenz eines individuell-unachtsamen Lebensstils uminterpretiert. Bewegungsarmut soll zur persönlichen Verhaltensstörung erklärt werden, die die Gesellschaft so teuer zu stehen kommt, dass jeder in Eigenverantwortung dafür haften soll. Das Ergebnis sind hochmoderne, subtile Verhaltenslenkungsprogramme auf dem Gesundheitsmarkt – quasi als Reimport eines kolonialen Behaviorismus.

Ansätze von Selbstbehauptung

Die Übernahme digitaler Infrastrukturkonzepte an sich und zudem nach westlichem Vorbild führt nicht zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse. Das ist derzeit mehr als deutlich in Afrika. Zudem reißt die Kritik an der neokolonialen Bevormundung von „Entwicklungs-Angeboten“ wie „Free Basics“ nicht ab. Leider hat sie (noch) nicht wie in Indien dazu geführt, dass Facebook das Angebot zurückziehen muss. Im Februar 2017 hatte die indische Netzaufsichtsbehörde Facebook den Betrieb von „Free Basics“ mit Verweis auf die heftigen Widerstände und die Verletzung der „Netzneutralität“ (kein Inhalt darf in seiner Erreichbarkeit vor anderen vorrangig behandelt werden) untersagt.

Es sind die Resistenzen und Beharrungstendenzen von einzelnen Individuen, aber auch Kollektiven, die sich dagegen wehren, die eigenen Lebensformen und Selbstverständnisse aufzugeben. Menschen, die sich gegenüber einer Verdatung verweigern, so dass Konzerne wie Facebook und Google all ihre destruktive Energie aufwenden müssen, um diese sozialen Strukturen aufzuknacken, zu verflüssigen, um sie dann in eine verwertbare Isolation zu treiben. Das brachiale Durchsetzen von vorgegebenen Kommunikationsnetzen zur Lenkung stößt insbesondere dort auf Widerstand, wo die Ähnlichkeit zur klassischen, analogen kolonialen Zerstörung besonders hoch ist.

Den Bedürfnissen angemessene Formen der Vernetzung und damit tatsächlich selbstbestimmter und selbstorganisierter Wissensaustausch kann ganz anders aussehen. In einem regionalen Zusammenschluss mehrerer Dörfer in Südafrika tauschen die Bewohner*innen landwirtschaftliche Erfahrungen und für gemeinsame Beschaffung relevante Kennzahlen über ein einfaches und robustes System, das sie zusammen mit anarchistischen Hacker*innen entwickelt haben: In jedem Dorf steht ein Rechner, auf dem die Daten lokal gespeichert sind und ergänzt werden können. Ein sich selbst synchronisierender USB-Stick trägt eine Kopie dieser Daten und wird bei jedem Besuch in eines der anderen Dörfer mitgenommen und zum Datenabgleich in den dortigen Rechner gesteckt – fertig. Die Reisetätigkeit der Bewohner*innen stellt das Netz dar. Per Datenabgleich mit dem „Reise-Stick“ befinden sich (mit wenigen Tagen Verzögerung) auf den Rechnern der beteiligten Dörfer das gleiche, jeweils aktualisierte Wissen.