Krisenticker #3

Murmeltier ante portas!!!

Das Murmeltier hebt wieder seine Pfote, doch es grüßt nicht, sondern warnt. Das Murmeltier, das sich schon vor der letzten großen Krise, gezeigt hat, heißt Claudio Borio.

Borio hat den weltweit bedeutendsten Finanzbeobachterposten inne. Er ist Leiter der Wirtschafts- und Währungsabteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die BIZ ist das Zentralorgan der Noten- bzw. Zentralbanken. Dort treffen sich die Zentralbanker zum Kungeln, dort werden die Devisenreserven der Zentralbanken verwaltet und dort werden übergreifende Analysen von hoher Qualität erstellt. In ihrem gerade erschienenen Quartalsbericht warnt Borio vor dem aktuellen Anstieg verbriefter (sekuritisierter) Kredite, die als Wertpapiere auf den Markt geworfen werden, um Kasse zu machen und das Risiko loszuwerden. Das sind also Schuldpapiere, die durch eine Verbriefungs- oder Sekuritisierungsindustrie gebündelt und tranchenweise in Wertpapiere verwandelt werden.

Das Murmeltier hat schon einmal gewarnt, zusammen mit seinem inzwischen pensionierten Kollegen, dem ehemaligen Chef der BIZ, William White, im Jahre 2003. Gewarnt haben sie vor dem Überhitzen der Sekuritisierungsindustrie mit Milliarden verbriefter fragwürdiger bis fauler Schulden, damals vorwiegend aus dem Hypothekenbereich. Gewarnt hatte auch ihr brillanter Kollege Raghuram Rajan, der ehemalige Chefökonom des IWF. Damals hießen diese Wertpapiere (besser „Unwertpapiere“) aus dem Hypotheken-, Automobil-, Konsumentenbereich etc. „Collateralized Debt Obligations“ (CDO), heute heißen sie zur Vermeidung unangenehmer Erinnerungen „Collateralized Loan Obligations“ (CLO): Damals waren sie der Grund des Crashs von 2008, als der Pegelstand der Schulden zu hoch anstieg.

Niemand außerhalb der BIZ kennt das weltweite Ausmaß der CLOs, den aktuellen globalen Schuldenpegel also, und den Grad der Fragwürdigkeit ganz genau, und die BIZ sagt es nicht. Zwar schlüsselt sie detailliert das dramatische Anwachsen der CLOs im Bereich hochverschuldeter (auf 1,4 Billionen in den vergangenen Jahren) und damit ohnehin wenig kreditwürdiger Firmen seit Juni diesen Jahres auf und wir erfahren viel Wichtiges über veschiedene technische Sekuritisierungskategorien. Aber es fehlen Einzelheiten über die Techniken, mit denen der stystematische Leichtsinn der Banken und anderer Geldgeber, die ja ihre Risiken mit dem Verkauf der sekuritisierten Papiere schnell an das anlagewillige Publikum weitergeben können, operiert. Die Attraktvität für sie liegt in den hohen der Armutsbevölkerung abgepressten Kreditzinsen. Es sind wieder mit Phantasiebezeichnungen versehene Kredite ohne nennenswerte Absicherung und Nachweispflichten, wie damals schon. „Asset depletion loans“, „asset disspipation loans“ heißen sie, oder auch „non QM“ („nicht qualifizierte Darlehen). Eingesetzt werden sie vor allem im privaten „Familiensektor“ (Studium, Haus, Gesundheit). Dort summieren sich die Schulden inzwischen auf etwa vier Billionen (viertausend Milliarden) Dollar.1 Insgesamt nehmen die Stellungnahmen aus den verschiedenen Verschuldungssektoren an Dringlichkeit zu wie wir im Hydra Krisenticker berichtet haben:

Noch am 21.9.19 übermittelte die New York Times Warnungen, dass die Fähigkeit der Haushalte, sich weiter zu verschulden, an ihre Grenze stoße. Wie ernst die über alles gut informierte Fed die Situation nimmt, lässt sich daran ablesen, dass sie in den vergangenen vier Monaten 300 Mrd. Dollar Liquidität in den tagtäglichen Kreditverkehr zwischen den Banken (der Bereich, in dem sich die Banken mit „Rückkaufvereinbarung“ („Repo“, repurchase Agreement) „overnight“ Kredite gewähren) hineingeschossen hat und dies mit 75 Mrd. Pro Monat fortsetzen will.2 Er- war vor der Lehmen-Pleite völlig ausgetrocknet, weil keine Bank der anderen mehr traute. Dass Borio wie 2003 erneut wenn auch vorsichtig die seinem Amt geschuldete Zurückhaltung aufgibt, ist ein ernstes Signal. Es könnte, nebenbei gesagt, der Moment von Facebooks „Libra“ als „sichere“ Währungsstruktur nach dem Verfaulen der alten werden.

Dies ist aus gebotenem Anlass nur ein „Krisentickerchen“. Es ist ein vorläufiges und wir kommen darauf zurück.

1 Guter Überblick im italienischen Wirtschaftsblatt Il Sole 24 Ore vom 2.10.19

2 Il Sole 24 Ore 21.9.19. Il Sole stellt das richtig in den Zusammenhang der Kreditkrise, während die FAZ vom 25.9.19 offensichtlich mit ihrem Verweis auf geldtechnischen Zusammenhänge Beschwichtigungspolitik betreibt.