Revolte in Chile – Ein ganzes Land gegen Neoliberalismus

Bericht und Fotos von Paul Frei

Es brennt in Südamerika. Während in Brasilien und Bolivien buchstäblich der Regenwald in Flammen steht, gibt es in Argentinien über Wochen anhaltende Proteste gegen die neoliberalen Reformen des konservativen Präsidenten Macri. In Perú löst der Präsident den Kongress auf und in Ecuador muss die Regierung aus der Hauptstadt fliehen, nachdem es zu massiven Protesten und einem Generalstreik kommt.

In diesem Chaos präsentiert sich Chile als ein ruhiges und stabiles Land, weshalb der rechte Präsident und Milliardär Sebastian Piñera, Anfang Oktober noch davon schwärmt: Chile sei “eine Oase inmitten des unruhigen Lateinamerikas”. Keine zwei Wochen später ist diese Fiktion geplatzt. Piñera spricht nun von “einem Krieg gegen einen mächtigen Feind”.

Seit dem 19. Oktober ist in Chile ein landesweiter Aufstand im Gange. Die Bilanz nach etwas mehr einer Woche: 20 Tote, tausende Verletze, davon fast 500 durch Schusswunden, 6000 Festnahmen, 18 Anzeigen gegen die Polizei wegen Vergewaltigung, weiterhin 20 Vermisste.

Doch was ist geschehen, dass die Situation dermaßen eskaliert ist? Ich mache mich auf den Weg nach Santiago de Chile, um mir ein Bild von der Situation vor Ort zu machen.

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Ein Tropfen der das Fass zum Überlaufen gebracht hat

“Chile sei ein schlafender Riese”, meint der Fahrer des Taxi auf den Weg zu meiner Unterkunft im Barrio Brasil, einige Blocks vom Palacio de la Moneda, dem Sitz der Regierung, entfernt.

“Die Erhöhung der Fahrpreise haben das Fass zum überlaufen gebracht” so sagt er. Schüler*innen und Studierende riefen nach der sukzessiven Erhöhung der Fahrpreise zum kollektiven Schwarzfahren auf. Sie selbst sind von der Fahrpreiserhöhung nicht betroffen, zeigten sich aber solidarisch.

Als die Cops daraufhin mit härte reagieren kommt es zu Angriffen auf die Metro, ganze U-Bahnen stehen in Flammen, Supermärkte werden geplündert und angezündet. In der Hafenstadt Valparaiso muss der Kongress evakuiert werden nachdem Demonstrant*innen die Absperrung überrennen. Im ganzen Land hat die Polizei die Kontrolle verloren woraufhin der Präsident den Ausnahmezustand verhängt und das Militär in die Straßen schickt.

Seit der neoliberalen Umstrukturierung des Landes durch den Diktator Augusto Pinochet (1973-1990) wurde das Staatsvermögen privatisiert und die staatlichen Leistungen massiv reduziert. Bis Heute sind Strom, Wasser, das Gesundheits-, Bildungs- und Rentensystem privatisiert. Der Protest entwickelte sich schnell zu einem Aufstand, der die alltäglichen und systematischen Zumutungen des Kapitalismus anklagt.

Eine abgebrannte Bank

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Chile despertó

Einen Tag nach der riesigen Demonstration vergangenen Freitag sind die Straßen in der Innenstadt von Santiago gespenstisch leer. Das Gebiet rund um den Palacio de la Moneda, ist weiträumig abgesperrt. Carabinieros in grüner Vollmontur stehen an jeder Straßenecke, die Geschäfte haben ihre Fenstern und Eingänge verbarrikadiert.

Die Demonstration war mit über 1,2 Millionen Beteiligten in der Hauptstadt die Größte seit dem Ende der Militärdiktatur vor knapp 30 Jahren. Die Demonstration, wie auch die Demonstrationen zuvor konzentrieren sich auf den Plaza Baquedano. Der Platz fungiert als Kreisverkehr, von dem auch die 8-spurige Hauptstraße Avenida Libertador Bernardo O’ Higgings abgeht und zum Regierungssitz führt. Entlang der Straße und in den Seitenstraßen sind unzählige Graffitis und Tags gegen die Regierung zu sehen.

In den Bereich konzentrierten sich im den letzten Tagen die Kämpfe mit den Cops, so schildert mir ein Demonstrant die Situation. “Chile despertó” sagte er. Chile ist aufgewacht. Der Slogan ist immer wieder auf den Demonstration zu hören und Transparenten zu lesen.

Auf den etwa zwei Kilometern zwischen dem Palacio de la Moneda und dem Plaza Baquedano befinden sich drei Metrostationen, die allesamt verwüstet und immer noch gesperrt sind. Fünf Gebäude, die sich auf der Strecke befinden sind ausgebrannt und die restlichen, meist öffentlichen Gebäude oder Geschäfte entlang der Straße sind geschlossen und verbarrikadiert. Ein großes Graffiti ziert das Kulturzentrum Centre Gabriela Minsitral: “Es gibt keinen Dialog solange sich das Militär in den Straßen befindet” steht auf dem improvisiert Schutz aus Holz vor dem Gebäude. Die Bilder von Panzern auf den Straßen haben bei vielen Chilen*innen Assoziation mit der Militärdiktatur wecken lassen und den Hass auf den Staat befeuert.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts CADEM sind 78% der Bevölkerung gegen die Politik des rechten Präsidenten und seiner Koalition aus rechten bis faschistischen Parteien wie der Unabhängigen Demokratischen Union (UDI). Nach den massiven Protesten und der großen Demonstration entschuldigte sich Präsident Piñera und leitete eine Reihe von Reformen ein, um wieder zur Normalität zurück zu kehren, wie etwa die Reduzierung der Wochenarbeitszeit um 8 Stunden auf 40, die Erhöhung des Mindestlohns und der Rente um 20 %. Außerdem feuerte er sein komplettes Kabinett. Mit diesem Schritt versuchte er wieder Normalität einkehren zu lassen, denn Montag sollte eine Abgeordnete der UN kommen, um die Menschenrechtslage zu beobachten, was aber aus unbekannten Gründen verschoben wurde.

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Pacos Culiaos – Asesinos

Die Normalität in Chile ist diesen Tagen aber der Aufstand. Während sich eine friedliche spontan Demo von rund 2000 Menschen auf den Weg zum Regierungssitz macht, brennen am Plaza Baquedano wieder Barrikaden und die Cops werden angegriffen.

Einen Tag nach der großen Demo haben sich erneut einige Tausend auf dem Platz versammelt um weiter zu protestieren. Zur Normalität will hier niemand zurückkehren. Auf einem der Schilder der Demonstrierenden steht “meine Größte Angst ist, dass alles so weitergeht, als wäre nichts geschehen”. Einige Meter daneben wird der Haupteingang der Metrostationen Baquedano mit Pflastersteinen und vereinzelten Molotowcocktails eingedeckt. Die Polizeieinheiten befinden sich hinter dem Tor, das den Eingang zur Metro versperrt und versuchen den Eingang zu halten. Neben dem Eingang klagt ein Graffiti die Cops an: “Hier wird gefoltert”.

Der Eingang zur Station Baquedano in Santiago

Gegen die Cops und das Militär werden schwere Vorwürfe erhoben. Nicht nur, dass Cops und das Militär scharf auf die Demonstrant*innen schießen und dadurch mehrere hundert Menschen, zum Teil schwer verletzt haben. Bereits fünf Demonstrant*innen wurden nach offiziellen Angaben erschossen, überfahren oder tot geprügelt und mindestens zwanzig Menschen sind verschwunden.

Des Weiteren wurden laut dem Instituto Naciónal de Derecho Humanos (INDH – Nationales Institut für Menschenrechte) bereits 94 Anzeigen wegen Folter und 18 sexuelle Misshandlungen (darunter Vergewaltigungen) aufgenommen.

Zudem kursiert auf sozialen Medien der Autopsie Bericht von verbrannten Leichen, die in einem Supermarkt gefunden wurden. Laut dem Bericht sollen die Leichen Schusswunden in der Brust aufweisen, was einen Mord und eine Vertuschungsaktion der Polizei oder des Militärs nahelegt. Ob das stimmt, wird sich – wenn überhaupt – erst in den kommenden Wochen abschließend klären lassen.

Die meisten Demonstrant*innen aber auch Taxifahrer*innen, Journalist*innen oder Verkäufer*innen glauben zumindest, dass die Cops oder andere “Infiltradores” häufig hinter den Brandanschlägen auf bereits ausgeraubten Supermärkte stecken. Sogar ein Feuerwehrmann aus Santiago hält das für möglich. “Bei einem Brandanschlag muss die Versicherung den Schaden bezahlen. Und wieso sollte man einem bereits ausgeraubten Supermarkt ausrauben?” (Er selbst lehnt die Plünderung jedoch ab. Nicht weil es nicht gerecht sei, sondern weil es den öffentlichen Bild der Demonstrant*innen schadet.)

Auf dem Plaza Baquedano ist die Stimmung weiterhin unverändert. Auf dem Platz wird der Protest besungen, Straßenverkäufer verkaufen Getränke und Essen. Immer wieder kommt es zu Schüssen von Gummigeschossen und Tränengas, um die Angriffe auf die Station abzuwehren.

Nach einigen Stunden rücken weitere Polizeieinheiten an, um den Platz zu räumen. Als sie sich dem Platz von einer der Straßen nähern werden sie von einem Pflastersteinhagel und den Parolen “Pacos Culiaos” (Verfickte Bullen) und “Asesino, Asesino” (Mörder, Mörder) empfangen.

Egal ob mit Gasmaske vermummt und Zwille bewaffnet oder mit Smartphone in der Hand die Situation filmend. Alle wollen ihre Abneigung gegenüber den Cops kundtun. Seit der massiven Repression und der massiven Gewalt ist in der Bevölkerung die Abneigung gegenüber den Pacos enorm.

Auch ein Fahrer eines Stadtbusses, der zwei Parallelstraßen weiter seine Ausweichroute fährt, reicht ohne zu Zögern den Feuerlöscher durch das offene Fenster, als ihn zwei vermummte Demonstrant*innen danach fragen. Als es den Cops schließlich gelingt den Platz zu räumen verlagern sich die Kämpfe in die Seitenstraßen rund um den Platz. Die Straßenschlachten können nach etwa einer Stunde und kleineren Hin und Her schließlich komplett geräumt werden.

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Die Situation in Valparaíso

Am nächsten Morgen sollte es für drei Tage nach Valparaiso gehen, um einen Eindruck der Situation abseits von der Hauptstadt zu bekommen.

Die Hafenstadt liegt 120 Kilometer westlich von Santiago und gilt als linke und alternative Stadt. Im Gegensatz zu Santiago ist die Stimmung in Valparaíso angespannter. Der Busbahnhof wird von Militärs mit Maschinengewehren bewacht, weitere Einheiten sind auf Abruf in der Innenstadt stationiert. Die Kriminalpolizei bewacht in schwerer Montur ihre Station und Militärhubschrauber kreisen über der Stadt. Ein Großteil der Bewohner*innen läuft mit einer Atemschutzmaske durch die verwinkelten Straßenzüge, der auf verschiedenen Hügeln gelegenen Stadt, denn der beißende Geruch von Tränengas liegt in der Luft.

Wie bereits in Santiago ist auch der Hafenstadt anzusehen, dass hier seit über einer Woche protestiert wird. Jede der vier Hauptstraßen im Innenstadtbereich ist samt Nebenstraßen auf einer Strecke von etwa drei Kilometern übersät mit Graffitis, Tags und zerstörten Geschäften. Im Innenstadtbereich dürfte es um die 20 abgebrannten Gebäude geben. Vorwiegend große Supermarktketten und Apotheken. Kleinere Geschäfte wurden von den Plünderung verschont aber haben ihre Rolltore trotzdem zusätzlich verbarrikadiert und bitten mit Zetteln darum ihre Läden nicht zu Plündern, da sie sonst vor dem Nichts stehen.

Wie in ganz Chile kommt es auch in Valparaíso den Vormittag zu Asambleas, Versammlungen der Nachbarschaft an den öffentlichen Plätzen, um über die Situation zu diskutieren und Forderungen an die Regierung zu stellen, die längst über soziale Reformen hinaus gehen: Der Rücktritt Piñeras wird gefordert und nichts weniger als eine neue Verfassung für das Land. Die aktuelle stammt aus der Militärdiktatur und ist durchsetzt von neoliberalen Gesetzen.

Riots vor dem Kongress in Valparaíso

Auch wenn sich sehr wenige bis keine organisierten linken und kommunistischem Gruppen an den Demonstrationen öffentlich beteiligen, so ist der Klassenkampf auf den Plakaten, in den Forderungen und den Parolen omnipräsent. Auf dem Plaza Sotemayor, einem der großen Plätze in Valparaiso, hält eine junge Demonstrantin ein DIN A3 großes Pappeschild in die Luft.

Zwischen Fahnen und Luftballons ragt ihr Schild heraus. “Gibt es kein Brot für den Armen, gibt es keinen Frieden für den Reichen”.

Zur heutigen Demonstration haben unter anderem die Fans des lokalen Fußballvereins aufgerufen, die die Demonstrationsspitze anführen. Gefolgt vom mehreren Tausend Demonstrant*innen aller Altersklassen und einem Block aus etwa 100 Motorradfahr*innen samt ihren Motorrädern macht sich der Demonstrationszug auf den Weg Richtung Kongress. Unterwegs applaudieren Leute und es stoßen immer mehr Menschen mit Kochtöpfen und Deckeln dazu. “Cacerolzas” – eine in Südamerika weit verbreitete Protestform, bei der Menschen auf der Straße oder aus ihren Fenstern heraus auf Töpfe schlagen, um damit ihren Protest zu zeigen.

Von Trompeten und Trommeln begleitet singt die Demonstration das Bekannte Widerstandslied “El pueblo Unido jamás será venecido” (Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden). Das Lied ist zu einer Art Hymne der Proteste avanciert.

Die Polizei hat ihrerseits einige Straßenzüge vor dem Nationalkongress, der seinen Sitz in Valparaíso hat, ihre Absperrungen angebracht. Im Vergleich zu Deutschland sind in Valparaíso wie auch in Santiago de Chile lächerlich wenig Cops im Einsatz. Den etwa 10.000 Demonstrant*innen in Valparaíso stehen maximal zwei Dutzend Carabinieros in Vollmontur, samt gepanzerten Fahrzeuge und einem Guanaco entgegen. Als Guanaco bezeichnen die Demonstrant*innen die Wasserwerfer, da sie wie das Tier auch am spucken sind.

Ungefähr 50 Meter vor den Absperrungen beginnen die Cops auf die Demonstrationsspitze mit Gaskartuschen zu feuern. Als Antwort auf das Reizgas kommt es zu einem massiven Steinhagel und vereinzelt fliegen Molotowcocktails. Die Stimmung auf der Demo ist wütend und kämpferisch. Molotowcocktails werden bejubelt und permanent geben die Trommeln und Trompeten den Rhythmus für die Parolen vor und die Menge feuert die vorderen Reihen an.

Brennende Barrikade auf einem der Hügel

Während in der Hauptstraße die Riots fortlaufen, werden in den Seitenstraßen brennende Barrikaden errichtet, um den Cops den Zugang von der Seite zu verhindern. Der Bordstein wird aufgebrochen, Wurfmaterial gesammelt und an den Wänden Graffitis und Tags gegen die Cops und die Regierung angebracht.

Immer wieder kommt es zu Vorstößen der vorderen Reihen, um die Cops zu überrennen.

Jedoch können die Cops durch Gummigeschosse die Demonstrationsspitze zurückdrängen. Die Projektile mit denen geschossen wird, beinhalten ca. 20-25 etwa 0,8 cm große Kugeln aus Hartplastik. Laut Demosanitäter*innen sollen die Kugeln zudem einen Kern aus Metall haben. Bei dem Einsatz von Gummigeschossen kommt es immer wieder zu Verletzungen, in denen die Gummikugel die Haut durchdringen und stecken bleiben. Außerdem haben laut INDH bereits über 100 Menschen durch die Gummigeschosse ihr Augenlicht verloren.

Um den vorderen Reihen zu unterstützen fahren die Motorräder nach vorne. Von einem unheimlich Lärm begleitet rückt die ganze Demo weiter nach vorne und versucht die Cops zurück zu drängen. Denen gelingt es aber durch Gummigeschosse und unter massiven Einsatz von Tränengas, das weit in die Mitte des Demonstrationszuges geschossen wird, die Menge zu verteilen.

Für gewöhnlich sind Gaskartuschen dank einer, über Instagram verbreiteten Anleitung, schnell gelöscht oder fliegen zurück zu den Cops. Kommt es jedoch zu einem massiven Beschuss, sind die Kartuschen nicht schnell genug gelöscht und der starke Wind von der Küste verteilt das Tränengas.

Wenn es den Cops gelingt die Demo etwas zurück zu drängen rücken sie mit dem Wasserwerfer vor, um die Mitte der Straße frei zu machen, um anschließend mit dem Zorillo (Spanisch für Stinktier) einem gepanzerten Wagen durch die Straße zu rasen, der rechts und links Reizgas ausstößt und somit die Menge in die Seitenstraße fliehen lässt und die Demonstration auflöst.

Nach der Auflösung verlagern sich die Kämpfe mit der Polizei an verschieden Ecken der Innenstadt und es werden am den Kreuzungen rund um die Park brennende Barrikaden errichtet. Die Riots und das abschließende Katz und Maus Spiel zwischen Protestierenden und Cops zieht sich über Stunden. Teilweise von Mittag bis in die Nacht hinein.

Die brennenden Barrikaden können dadurch manchmal für Stunden gehalten werden. Autos werden von dem Protestierenden umgeleitet und es kommt vor, dass ein Auto anhält und über die Boxen Musik laufen lässt und die Menge dazu feiert. Am Rande der Barrikaden kommt es immer wieder zu Plünderungen von Geschäften wie zum Beispiel Apotheken.

Dabei werden vor allem in Chile teuere Artikel wie Toilettenpapier, Taschentücher oder Medikamente angeeignet und verteilt. Computer oder Kühlschränke werden als Barrikaden benutzt und angezündet, bis die Cops anrücken und auch die letzte Barrikade in der Innenstadt löschen.

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Valparaíso Resiste

Am nächsten Morgen läuft der Alltag ganz normal weiter. Die Menschen scheinen an den Aufstand gewöhnt zu sein und treffen sich zu den Asambleas. Die Feuerwehr löscht die letzten Brände in der Apotheke, die gestern noch geplündert und über Nacht angezündet wurde.

Die Geschäfte, die offen sind können nur durch eine kleine Tür betreten werden.

Während die einen ihre Geschäfte mit Metallplatten zuschweißen, strömen nach und nach kleine Gruppen an Vermummte die Hügeln herunter und begeben sich auf den Weg zur Demonstration. An den Vermummten Demonstrant*innen scheint man dich mittlerweile gewöhnt zu haben. Es wird sich nicht daran gestört, wenn Demonstrant*innen mit Gasmaske und Zwille sich auf den Weg zur Demo machen. Vereinzelt wird Ihnen applaudiert.

“Wir haben Tollwut” erklärt mir eine Freundin, die ich in ihrem Laden besuche. Die ganze Woche tätowiert sie ausschließlich Anticops Tattoos. Die Öffnungszeiten sind nur bis mittags, damit sie und die Leute auf die Demo gehen. Die Geschehnisse der letzten Woche habe die Menschen derartig aufgebracht, dass sie tollwütig sind und nicht aufhören werden zu kämpfen, bis ihre Forderungen umgesetzt werden. Sie Klingt entschlossen aber auch erschöpft. 12 Tage Protest zerren an den Kräften. Währenddessen mach ich mich auf den Weg zur Demo mit einem ihrer Freunde. Er hat eine Wunde am Jochbein. Ein Gummigeschoss habe ihn getroffen. Deswegen aufzuhören kommt für ihn aber nicht in Frage.

Die Demo ist mehr ein Riot als eine Demo. Groß gelaufen wird nicht, es wird sich eher mit einigen Tausend vor der Polizeiabsperrung versammelt und die Cops angegriffen. Insgesamt ist die Demo kleiner als am Tag zuvor aber dafür offensiver und es fliegen regelmäßig Molotowcocktails auf die Cops. Unter anderem auf ein gepanzertes Auto, das gerade dabei war, die Menge zu verteilen. Als es jedoch von einem Cocktail Getroffen wurde, legt es den Rückwärtsgang ein. Begleitet vom Jubel und “el pueblo Unido jamás será vencido” Rufen.

Insgesamt sind die Riots besser vorbereitet. Holzplatten werden herausgerissen, um eine Schutzwand gegen die Gummigeschosse zu errichten. Außerdem wird die Kriminalpolizei auf Trapp gehalten, indem es immer wieder zu Angriffen auf deren Wache kommt. Die Angriffe sind nicht wirklich koordiniert. Viel mehr beteiligt sich jeder der gerade Bock hat. Ein Großteil der Demo ist Vermummt. Um sich vor dem Tränengas zu schützen? Die Polizei zu attackieren oder weil es mittlerweile zum Demo Style in Chile gehört? Man weiß es nicht.

Erst in den Abendstunden gelingt es den Cops durch den Einsatz von Motorradeinheiten die Massen zu verscheuchen. Etwa 10 Carabinieros fahren gezielt auf Menschenmenge zu, um diese zu vertreiben und anschließend die Barrikaden zu löschen.

Lediglich auf den Hügeln brennen die Barrikaden noch. Die Nachbarn der Straße haben sie errichtet und knapp 100 Personen bewachen das Viertel an verschiedenen Punkten. “Die Polizei beschützt uns nicht, wir müssen uns vor ihr beschützen, so begründet eine Anwohnerin die Barrikaden. Sie berichtet mir von Vermissten, Vergewaltigungen, Mord und Vertuschung der Regierung. Das INDH bestätigt die Ermittlungen hierzu. Im Internet kursieren zudem Videos wie die Cops in Häuser einbrechen und sogar Molotowcocktails auf Häuser schmeißen. Deshalb organisiert man sich im Viertel, den Cops wird nicht vertraut. Auch mir gegenüber ist man skeptisch und fragt lieber zwei Mal nach wer ich bin und wieso ich hier sei.

Die Nachbarschaftswachen sind mit den anderen Vierteln gut vernetzt und wissen, wann die Cops kommen. Als die Barrikaden in den anderen Straßen geräumt wurden ruft eine Person “Wir sind die letzten”. Es wird sich auf die Ankunft der Repressionstruppen vorbeireitet. Flaschen, Steine und Molotowcocktails stehen bereit, um sich zu verteidigen. Seit letzter Woche sind sie jede Nacht hier. Während der nächtlichen Ausgangssperre mussten sie allerdings fliehen, sobald das Militär angerückt ist. Heute Nacht kamen die Cops nicht. Genügend Zeit für die Sprüher ein paar Meter weiter unten Ihr Bild fertig zu malen. “Resiste” ziert die Fassade der Häuserwand. Der Besitzer sitzt ein paar Metern daneben.

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Die Proteste gehen weiter

Zurück in Santiago. Für Dienstag wurde wieder größer mobilisiert. Mehrere Zehntausend Menschen haben sich erneut auf dem Plaza Baquedano versammelt. Dir Stimmung ist ausgelassen. Auf dem Platz werden die beiden Hauptforderungen auf Transpis präsentiert: Eine neue Verfassung und der Rücktritt Piñeras.

In verschieden Straßen kommt es zu stundenlangen Riots wie in Valparaiso. Jedoch ist die Masse der Protestierenden deutlich größer und besser organisiert, so dass die Polizeieinheiten am mehreren Fronten angegriffen werden können. Die Dächer der Bushaltestellen werden eingerissen, um sie als Schutzschilder in der ersten Reihe zu verwenden und die Wirkung der Gummigeschosse zu eliminieren. Über Stunden verlagern sich die Kämpfe um maximal 100 Meter nach vorne und hinten.

Die Zeit wird genutzt, um die frisch geputzte Metro Station wieder umzugestalten und einige Protestierende versuchen über 30 Minuten hinweg alles nützliche aus einer Baustelle mitzunehmen, um sie anschließend im Brand zu stecken.

Um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen kreist ein Polizeihubschrauber über dem Stadt und wird über dem Plaza Baquedano fast vom einem abgeschlossenen Feuerwerkskörper erwischt, was von den tausenden Protestierenden bejubelt wird.

Je später es wird, desto ernster werden allerdings die Cops. Sie setzen jetzt vermehrt den Wasserwerfer ein, um anschließend auf die verteilte Menge mit Gummigeschossen zu schießen.

Bei jedem Knall ducken sich die Demonstrierenden reflexartig, um nicht von den Gummigeschossen erwischt zu werden. Hinter den großen Palmen in der Mitte des Trennstreifen der Straße suchen ganze Schlangen von Menschen Deckung, um nicht von den Gummigeschossen erwischt zu werden oder die Cops mit Laserpointern zu blenden.

Gegen 22 Uhr, nach über sechs Stunden ununterbrochenen Riots, gelingt es den Cops mit dem Einsatz des Zorillo die Demonstration schließlich aufzulösen und den Platz zu räumen.

Zumindest für die Nacht.

Für die ganze Woche sind weitere Proteste und ein Generalstreik angekündigt. Außerdem haben feministische Gruppen für einen Marsch der Hexen an Halloween aufgerufen. Wenige Hundert Meter vom Plaza Baquedano entfernt kehren die überwiegend jungen Leute zurück in ihre Viertel. Singend ziehen sie an einem Haus vorbei das gerade noch gebrannt hat und kündigen in ihren Gesängen an:

“Ihr werdet schon sehen. Die Kugeln mit denen ihr auf uns schießt werden zurück fliegen!”