Globrebellion

Ein Aufruf zur Debatte und Aktion

Es sieht so aus, als ob wir mal wieder hinterherlaufen. Wie im Fall Griechenland und Arabellion. Hinterherlaufen mit unserem Mangel an Unterstützung und der Unfähigkeit unsere eigenen Kämpfe daran zu orientieren. Wie damals ist die platte Ausrede, es handele sich um andere Länder, mal wieder schnell zur Hand. Wie damals pferchen wir uns mit einer auf einzelne Länder und Kontinente begrenzten Solidarität willig und bequem ein. Aber die Tatsache einer unerklärten Gleichzeitigkeit der Ereignisse in Lateinamerika, dem Nahen Osten und Hong Kong watscht uns ab.

Woher diese Gleichzeitigkeit? Wir wissen aus der Dynamik der Arabellion, wie schnell sich Impulse übertragen können. Aber das war nicht das Resultat einer copycat. Die Übertragung braucht eine Gleichartigkeit der Vorbedingungen bzw. der Konflikte bzw. Kämpfe. In der Arabellion war das die gemeinsame Herkunft der rebellierenden Bevölkerungen aus einem übergreifenden kolonialen Grundkonflikt und der sozialen Misere. Die koloniale Herkunft spielt auch hier eine Rolle, wenn auch eine weit schwächere. Wichtiger erscheint die Gemeinsamkeiten aus einer Konfrontation mit den Imperativen und Zumutungen eines ökonomischen Drucks und sozialen Anpassungsterrors, die letztlich aus den Anforderungen der Innovationsoffensive resultieren. Diese wie bisher alle historischen Innovationsoffensiven führen aufgrund eines verschärften Produktivitätsgefälles zu massiver Entwertung der peripheren Lebens- (Wohnkosten besonders in Hong Kong), Arbeitsbedingungen und Produktion. Mensch kriegt nicht nur weniger für die eigene Arbeit, sondern wird im Status krass abgewertet. Da so was über zunehmende Repression und steigende Verschuldung der Länder und Unternehmen aufgefangen wird, resultiert diese Spannung gleichzeitig in einer Schuldenkrise und Krise des staatlichen und kapitalistischen Kommandos, die wir bei Hydra vielfach behandelt haben. Diese Bedingungen finden wir nun in allen Regionen des Aufruhrs vor. Was wir auch vorfinden ist eine enorme Risikobereitschaft und Nichtachtung der eigenen Unversehrtheit, die den existenziellen Charakter der Globrebellion deutlich macht. Er kontrastiert markant mit unseren eigenen Zartgefühlen uns selbst gegenüber.

Wir sind aufgerufen, uns den Anforderungen, die hiervon ausgehen, zu stellen, gleich und kompromisslos und vor allem praktisch. Natürlich bedürfen die sozialen Zusammensetzungen der Rebellionen einer Debatte. Aber nicht wieder so wie in der hiesigen ebenso diffamierenden wie immobilen Reaktion auf die Gelbwesten. Immerhin ist zu bemerken, dass die chilenische Revolte sich in ihren radikalen Kernen nicht etwa auf die „sozialistische“ Phase zurückbezielt, sondern eine radikale Vorstellung des Rätegedankens, die eher an die russische Revolution von 1905 erinnert, in der nicht etwa Sozialisten Räte organisiert haben, sondern Arbeiterbäuer*innen und Bäuer*innen, und zwar völlig autonom.