Lesbos: Bilder aus einer ungewissen Zukunft

Bericht über die schwierige und kontrovers diskutierte Situation auf der Insel Lesbos von Giannis K., Mitglied der Lesbos-NGO-Angestellten-Basisversammlung. Erstmals veröffentlicht von unseren Freund*innen der griechischen Zeitschrift Babylonia und übersetzt und leicht bearbeitet von Kian Zeytani für Hydra.

Die Ereignisse der letzten Tage 

Montag 24.02

Am Montagmittag sickerte die Information durch, dass das Transportschiff Pegasus beschlagnahmt und mit 10 Polizeieinheiten, Wasserwerfern und Bulldozern beladen wurde, während das Schiff Blue Star Naxos, ebenfalls mit Polizeipersonal und –material beladen, seinen Kurs änderte. Beide Schiffe schalteten ihren Sender ab, so dass sie auf marinetraffic.com nicht zurückverfolgt werden konnten. Als die beiden Gemeinden von Lesbos von dieser Nachricht erfuhren, versperrten sie die Häfen von Mytilene mit Müllwagen und anderen schweren Fahrzeugen. Um 23.00 Uhr desselben Abends wurde eine Versammlung von SYRIZA, KKE (Kommunistische Partei) und kommunalen Strukturen aus dem gesamten politischen Spektrum initiiert. Am Anfang herrschte eine ungewöhnliche, unangenehme Stimmung zwischen den Versammelten, denn die Menschen, die dort teilnahmen, waren einander völlig fremd; mehr noch waren einige von ihnen politische Feinde, die sich aufgrund der jüngsten Ereignisse in der Stadt in einer besonders polarisierten Situation befanden. Die versammelte Menge umringte den Hafen und begann, die örtliche Bereitschaftspolizei verbal anzugehen. Eine halbe Stunde vor der Ankunft des Schiffes griff die Polizei mit Tränengas an, und danach gab es eine klare räumliche Aufteilung unter den Versammelten: KKE, Syriza sowie Menschen aus verschiedenen antifaschistischen Gruppen auf der einen Seite und Nationalisten zusammen mit Konservativen sowie “wütenden Einheimischen” auf der anderen Seite. Unter der Menge gab es auch viele Menschen, die sich weigerten, “sich für eine Seite zu entscheiden”. Bei der Ankunft des Schiffes griff die Polizei erneut an und machte den Weg für die gerade eingetroffenen Einheiten frei. Die Bereitschaftspolizei erreichte die Position von Kavakles, an der das neue geschlossene Gefangenenlager gebaut wird. 

Dienstag 25.02

Die Verwaltung der Nordägäis schloss ihre Büros, und das Arbeitszentrum von Lesbos unterstützte den Generalstreik. Die Bevölkerung von Lesbos rief zu zwei Versammlungen auf den Straßen auf, die zu den neu geschlossenen Gebieten führen, in den Stellungen Karavas und Diavolorema. Zur gleichen Zeit veranstaltete die KKE eine Demonstration in der Stadt. Am Mittag riefen die örtliche Verwaltung, die KKE und die antifaschistischen Kollektive zu zwei neuen Aktionen auf den Straßen in Richtung der Position von Karavas auf. Während dieser Zeit versammelten sich Tausende von Menschen und gerieten mit der Polizei aneinander. Viele kleinere Gruppen stießen in den Waldgebieten in kleineren Scharmützeln mit der Polizei zusammen. Unmittelbar nach Einbruch der Dunkelheit begann die Polizei mit einem massiven Angriff und zerschlug die Demonstrationen. Zur gleichen Zeit führten die Menschen in Diavolorema eine Sitzung durch, die wiederum durch Tränengasangriffe unterbrochen  wurde und sich für einige Stunden in eine vollständige Konfrontation mit der Polizei verwandelte.

Mittwoch 26.02

Am Mittwochmorgen waren alle Geschäfte und Dienstleistungen von Mytilene geschlossen. Auf dem Sapfous-Platz findet ein großes, breit eingeladenes Treffen statt, an dem 3.000 Menschen teilnahmen, gefolgt von einer Demonstration zu den Generalbüros der nördlichen Ägäis und danach in großen Autokonvois zu strategischen Teilen der Insel. Am Standort Perama in Geras demonstrierte eine große Gruppe von Menschen in Richtung eines Hotels, in dem Polizist*innen, die außer Dienst waren, untergebracht waren. Sie  verwüsteten die Zimmer der Polizist*innen, und plünderten dann alle Gegenstände (Kleidung, Ausrüstung usw.), bevor sie diese dann verbrannten, ähnlich wie es zuvor auf der Insel Chios geschehen war. In Diavolorema und in Karavas werden die gewalttätigen Gegenmaßnahmen der Demonstranten durch versuchte Brandanschläge verschärft, während die Polizei erfolglos versucht, die Demonstranten abzuschneiden. In Karavas zog sich die Bereitschaftspolizei nach Mytilene zurück. Die Polizei verfolgende Autokonvois wurden von dieser außerhalb der Stadt angegriffen. Die Polizei griff dabei jedes einzelne Auto, Motorrad und generell jeden in den Konvois an.

Die Menschen versammelten sich außerhalb der Militärlager in Kyriazi, am Standort Pagani, wo einige Bereitschaftspolizeikräfte nach den Hotelereignissen notgedrungen die Nacht verbrachten. In sehr kurzer Zeit kam eine große Menschenmenge im Militärlager an und drohte, die Tore einzureißen und einzudringen. Der Leiter der Verwaltung von Lesbos traf in das Militärlager ein, um über die Sicherheit der Bereitschaftspolizei zu verhandeln. Gleichzeitig griffen sechs Polizeieinheiten die versammelte Menge an und versuchten, ins Lager zu kommen. Als Reaktion darauf begann die Menge mit Jagdgewehren auf die Polizei zu schießen (es gibt Informationen über 50 verletzte Polizist*innen). Der Premierminister rief den Leiter der Verwaltung und die örtlichen Bürgermeister zu einer Krisensitzung auf, und der Pressevertreter der Neuen Demokratie erklärt, dass das Ziel gesichert sei, d.h. dass die Maschinen, die die neuen geschlossenen Lager schaffen sollten, sicher und in Position seien, so dass die auf der Insel eingetroffene Polizei zurückgerufen werden könnte.

Die klassenpolitische und soziale Zusammensetzung der Versammlungen

Die Menschen, die an diesen Versammlungen teilnehmen, sind buchstäblich alle, die auf der Insel sind, Lehrer und NGO-Mitarbeiter (Ausländer und Griechen). Die politisch organisierten Gruppen, die es in Mytilene gibt und an den Protesten teilnehmen, sind die Kommunalpartei, KKE, Syriza, die nationalistischen, neurechten “Freien Bürger” und die Antifaschistische Koordination von Binio (ein Zentrum, in dem sich verschiedene Linke und Anarchisten versammeln). Je nach Ort unterstützen die lokalen Behörden und die zivilgesellschaftlichen Gruppen aus verschiedenen Dörfern die Blockaden mit einer Mischung aus nationalistischen, anti-politischen und gegen die Polizei gerichteten Haltungen. Die KKE ist in Mytilene sehr stark präsent und steht den Kräften, die sich links von ihr befinden (Linke, Anarchisten usw.), nicht feindlich gegenüber, während sie in verschiedenen Blockaden auch eine hegemoniale Position einnimmt. In der versammelten Menge gibt es auch viele Menschen, die sich nur schwer innerhalb des politischen Spektrums zuordnen lassen, was ein ständiges Gefühl der politischen und sozialen Fluidität sowie manchmal Unsicherheit und Skepsis auslöst. In den ersten Stunden der Montagsversammlungen gab es eine Menge Unbehagen zwischen den Versammelten, und Fragen, wer hier überhaupt wer sei, wer wo teilnahm und in einigen Fällen auch offene Feindschaft zwischen Nationalisten und Antifaschisten. Während die Versammlung fortgesetzt wurde, gab es einige Reaktionen auf die Parolen der Menschen, wenn eine Seite (die Antifaschisten) Solidarität mit den Gefüchteten bekundeten. Die Nationalhymne ist etwas, dem man auch in den Blockaden begegnen könnte, während auch einige antitürkische und rassistische Gesänge zu hören sind, insbesondere in den Gebieten, in denen die Dörfer traditionell rechts stehen. Auf der anderen Seite kann man in der Nähe der Blockaden, die sich an den Orten der traditionell linken Dörfer befinden, antirassistische und solidarische Parolen mit Geflüchteten vernehmen. In einigen Fällen sind die Versammelten räumlich so aufgeteilt, dass es leichter ist zu erkennen, wer überhaupt wer ist. In anderen Fällen ist das nicht der Fall, und es erinnert wirklich an die Ära der Platzbesetzungen (2012) oder in einigen Fällen an die Kämpfe in Keratea und Skouries. Aber egal, wo man sich befindet, alle hassen die Polizei, und diese Anti-Cop-Stimmung ist etwas, das Brücken schlägt, anstatt sie abzureißen.

Einige abschließende Gedanken

– Die Bilder in Mytilene sind Bilder aus der Zukunft, einer Zukunft, die nicht zu den politischen Identitäten von heute passt und die noch nicht die politischen Identitäten von morgen hervorgebracht hat. Genau wie bei den Gelben Westen sind wir dazu verdammt, diese Ereignisse auf differenzierte Weise zu unterstützen und daran teilzunehmen, auch wenn es uns nicht gefällt, dass unsere Gegner ebenfalls daran teilnehmen. Wer nicht an diesen Aktivitäten teilnimmt, verliert in den Augen der darin involvierten Menschen jede soziale Rechtfertigung.

– Es gibt bei dieser Angelegenheit Aspekte, die für die verschiedenen neurechten und nationalistischen Gruppen genau das Richtige sind. Die Kritik vieler Menschen scheint häufig eine andere Wirkung zu erzielen, wenn nämlich nicht die traditionelle, häufig abstrakt wahrgenommene links-antiautoritäre Kritik (offene Grenzen, Bewegungsfreiheit) geäußert wird, sondern vor allem vor dem Hintergrund der Ereignisse ganz konkret geschlossene Grenzen und Abschiebungen gefordert werden und die Drohkulisse der Islamisten aufgebaut wird. Das sind alles sehr reizvolle Punkte für den durchschnittlichen “wütenden Einheimischen”. Auf der anderen Seite gibt es Themen, bei denen wiederrum wir uns wohler und befähigter fühlen, wie zum Beispiel die Kritik der korrupten lokalen und staatlichen Beamten und die Repression der Polizei.

– Die derzeitige politische Situation ist aufständisch, sehr dicht, und jede Ebene zählt. Es ist eine Pflicht der verschiedenen Bewegungen, den Kampf der Einheimischen gegen die Lager ohne Angst zu unterstützen. Die Radikalen von Lesbos führen jeden Tag ihren eigenen Kampf, mit ihren eigenen Stärken und Schwächen. Auf der einen Seite verfügen sie über eine Menge Erfahrung aus Kämpfen der vergangenen Jahre und ein starkes Klima der Zusammenarbeit. Auf der anderen Seite scheint sich die anfängliche Betäubung aus der SYRIZA-Ära aufzulösen, während sich gleichzeitig die Kontaktaufnahme zu den Einheimischen als gar nicht so einfach erweist, da die meisten Menschen in der Bewegung keine Einheimischen sind. Durch die Teilnahme an den Blockaden bietet uns dies eine solide Gelegenheit, uns mit der lokalen Jugend zu vereinen und bestimmte Ideen und Forderungen zu pushen.

– Es scheint, dass dieses politische Thema auf einer anderen Grundlage polarisiert wird, nämlich entweder auf der Grundlage der Schaffung von Lagern auf kleinen unbewohnten Inseln oder der Niederlage der Regierungspartei und der Niederlage des Konzepts der geschlossenen Lager. Der  interne Konkurrenzkampf der Rechten hat auch mit dem drohenden Aufstieg der Neurechten zu tun, einer Gattung, deren Potential wir bereits in der Neuen Demokratie und in der Goldenen Morgenröte sahen. Diese Arten können wachsen, bisher stärker auf Chios und weniger auf Mytilene. In einem Moment, in dem die aggressive Taktik der Regierung immer wieder Raum zum Wachsen findet, ist Trägheit keine Option.