Offene Räume

von Gianfranco Pipistrello – freudige und praktische Antwort auf Zeytani und Tzara

Mit der Vorstellung, dass wir der Anzahl der zu entdeckenden Orte entsprechen können, treffen wir uns bereits zahlreich und wissen, dass andere zu uns stoßen werden, damit die Zeit, die wir umherschweifen sich den von uns gesuchten, unendlichen Möglichkeiten des Raumes annähert.

Die Situation ist endlich offen und so treten wir in den Stadtraum ein. Dessen eigentliche Banalität verdeutlicht hinter seinem plötzlich sukzessiven Verschwinden die Nebensächlichkeit der Hindernisse. Wenn man über den ins Leben gesetzten Alltag vorher zueinander gefunden hat, ist die Bloßstellung seiner Negativität jetzt bedeutungslos. Das apriori der Zeit verschwindet in den Häuserschluchten. 

Vom Hauptbahnhof, an dem sich nur noch Menschen aufhalten, die gezwungenermaßen nur zu Fuß und ohne Ziel unterwegs sind, gehen wir hinunter. Der Ärger über die alle umgebenen leeren Beschwörungsformeln und aus Packungsbeilagen entnommenen Wörter, die wir aufgreifen, um sie hinter uns fallen zu lassen, beschleunigt unserer Schritte bis uns der Raum ein erstes Mal anhalten lässt: 

Wir dringen in eine umzäunte Brachfläche ein, um ein dreistöckiges Backsteinhaus näher zu betrachten. Alle Fenster, Türen, Luken und Luftschächte sind solide verbarrikadiert. Wir drehen eine Runde, finden aber nur Asbest, Exkremente und den Ort, der wie sich ein Proust-Leser unter uns schlagartig erinnert die Pension eines Mietwucheres war, desolat. 

Im Fluchtpunkt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, befindet sich ein großes ehemaliges Bürogebäude. Wir gehen darauf zu und dann schnell um die Ecke, da an der gesehenen Längsseite die zugeschweißten Türen keinen Einstieg erlauben. Vor der Rückseite stehen Autos und eine Tür weit offen. Wir inspizieren das Erdgeschoss, finden Werkzeuge der gerade im ersten Stock bohrenden Handwerker und nehmen den in der Tür steckenden Schlüssel beim Hinausgehen mit. Der in unmittelbarer Nähe horizontal verlaufende Kanal lenkt unsere Blicke auf ein einige hundert Meter weiter stehendes, brutalistisch graues Hochhaus. Während wir kurz darauf auf billigem Mobiliar vor einer Penthauswohnung am Kanal biertrinkend Rast machen, schauen wir immer gebannter auf das schroffe Gebäude. Auf dem Dach erkennen wir einen Zusatzbau. Da wollen wir hin!

Wir durchqueren den Neubaublock für junge Mädchen und stehen dann vor Opa Corbusiers Sozialverständnis. Asiatischen Mystikern gleich, die zum Mond spazieren wollen, gehen wir zuerst in die offen zugängliche Tiefgarage. Dort finden wir nur ein altes Auto und einen schlafenden Obdachlosen. Alle Türen sind fest verschlossen. Einige fachsimpeln über ihre hier nicht passenden B- und K2-Schlüssel. Auf dem darüber und draußen liegenden Parkdeck nehmen wir die zahlreichen Fenster in Augenschein. Eins wird geditscht. Uns kommt die Idee auf dem Dach in dem Zusatzbau, der ein Restaurant eines Hotels zu gewesen sein scheint, einen konspirativen Treffpunkt während der Ausgangssperre zu etablieren. Aber so wie das allgemein offene der Situation immer deutlicher wird, beginnen wir zu verstehen, dass wir nicht unbedingt die Situationen, die wir selber erschaffen, durch eine zu rasche Ausschöpfung des Moments darauf begrenzen sollten die sich abzeichnenden Möglichkeiten des Raumes in einem zu konzentrieren. 

Auf welches Dach gehen wir stattdessen?

Ein kurz darauf zu uns stoßender Freund schlägt vor die ehemalige Ausländerbehörde zu besichtigen. Sie soll leerstehen und einen umfassenden Blick über den Teil der Stadt bieten, den wir im Begriff sind für uns und neue Freunde neu zu kartographieren. In verschiedene Gespräche vertieft oder in Gedanken versunken halten wir mehrmals scheinbar grundlos an. Indem wir uns den Raum aneignen, tritt er stellenweise hinter uns zurück.

***

Das Foyer der Ausländerbehörde ist voller Staub. Unscharf machen wir einen einzelnen Arbeiter aus. Da die Tür auch hier nicht mehr zu existieren scheint, grüßen wir als Ausgleich, durchqueren die Empfangshalle und steigen über das Treppenhaus, umgeben von Stimmen, in die letzte Etage hinauf. Hinter den Fenstern das Dach! 

Wir genießen die Abendstimmung, fragen uns aber unter anderem worauf im Grunde all die anderen Menschen warten, die sich das Flanieren verbieten und immer unten bleiben. Eine dreiviertel Stunde später sind wir auch wieder auf der Straße. Nachdem alle Kneipen schließen mussten, scheint die Angst vor dem Wirt Anonymität auch an anderen, eigentlich noch funktionaleren Orten zuzulassen: Niemand hat uns angesprochen!

Da dies nicht unbedingt das ist, was wir wollen, betreten wir garnicht erst ein sich nur wenige hundert Meter weiter ebenfalls in Renovation befindenes Bürohaus. Wir rauchen lieber davor mit zwei Arbeitern. Sie erzählen uns von einem verlassenen Wohnhaus in einer Parallelstraße. Wir finden es inmitten der möglicherweise zukünftig einen anderen Zweck erfahrenen Funktionsbauten und erkunden seine möglichen Schwachstellen. Sie sind nicht vorhanden. Es befindet sich in einem sehr guten Zustand. Zuversichtlich ziehen wir weiter in die Nacht. 

Mittlerweile sind kaum noch Menschen auf der Straße. Diejenigen, die sich außerhalb ihrer Arbeit nicht zu beschäftigen wissen, verdeutlichen ihr Trugbild von Gesellschaft, indem sie den öffentlichen Raum und die aus ihm beinahe Ausgestoßenen nun scheinbar gänzlich bereit sind aufzugeben. Seitdem wir in einem dichtbewohnten Stadtteil umherschweifen, begegnen wir nur Obdachlosen und Junkies, die ohnmächtig nach dem suchen, was im Begriff ist komplett zu verschwinden. Ihre extreme Vereinzelung zeigt den Weg auf, den wirnicht nur irgendwie gemeinsam verlassen müssen. Der einzige andere Spaziergänger, auf den wir treffen, ist eine Freundin. Sie erzählt uns, dass in ihrem Stadtteil ein Gebäudekomplex mit knapp hundert bezugsfertigen Wohnungen seit zwei Wochen leersteht. 

Auch wenn wir gerade noch weniger zahlreich als die Orte sind, die unsere Vorstellungskraft übertreffen, ist jeder der sie umgebenden und durch sie zu entdeckenden Scheidewege der Richtige, um jetzt auf ein selbstbestimmtes Leben zuzugehen.

Gemeinsam schlagen wir ihre Richtung ein.