Veränderung der Gegebenheiten

von Mario Miyamoto

Die Sonne scheint, die Temperatur ist noch leicht frisch und ich fahre morgens voller Vorfreude mit dem Fahrrad quer durch Berlin. Seit dem Wochenende sind Kneipen und Clubs geschlossen. Ab diesem Montag ist das öffentliche Leben aufgrund des Coronavirus massiv eingeschränkt. Man soll sich nicht in Gruppen von mehr als zwei Personen zusammenfinden. Wie das durchgesetzt wird, ist uns noch unklar. Daher teilen wir uns auf. Zwei meiner Freund_innen fahren mit dem Auto zum designierten Spot und ich mache mich mit dem Fahrrad auf den Weg. Der ÖPNV soll auch eingeschränkt sein und nicht so regelmäßig fahren, was zur Folge haben müsste, dass U-Bahnen auch mitten am Tag an Orten stehen, wo sie um die Uhrzeit normalerweise nicht sind und dass seltener Bahnen an den abgestellten Kisten vorbeifahren. Perfekt für passionierte Zugsprüher, deren Leben es erlaubt, einen Montag Montag sein zu lassen und alles auf Gelb zu setzen: Berlin Metro! Während ich so an diesem ersten Tag der Einschränkungen durch die Stadt fahre, fallen mir keine vermehrten Polizeikontrollen auf. Heute, wie auch in den folgenden Tagen, bewegen wir uns ungestört durch die Stadt. Ich bin mit Blaumann und Warnweste gekleidet, was für die anstehende Aktion von Vorteil ist. Ich will ja einen Grund haben unterwegs zu sein. 

-Auf zur Arbeit!

Im gefühlt äußersten Ende der Stadt angekommen, ist alles wie wir es uns erhofft haben: Eine U-Bahn steht geparkt im unterirdischen Layup. Securities oder Polizei, die darauf achtgeben, sind nicht zu sehen und der Fahrtakt ist ausgedünnt. Auf dem Weg rein wird der nächste Vorteil von Corona klar: Neben dem Typen, der mit Vollgasmaske aus der Station rauskommt, wirken wir mit unseren leichten Schutzmasken wie „Herr und Frau unauffällig“. Wir kommen durch einige Kameras, die rein theoretisch im Nachgang ausgelesen werden können – sowas passiert, aber wie regelmäßig und wie die Aufnahmen gespeichert werden, ist mir unklar – aber Dank der Masken betrifft uns das nicht mehr. Danke Corona! 

An der U-Bahn angekommen warten wir erstmal eine Weile. Vielleicht wurden wir beim Reingehen ja doch bemerkt. Durch einen Notausgang hören wir die Geräusche der Straße. Hier unten wird die Stille nur alle zehn Minuten von der vorbei rauschenden U-Bahn unterbrochen. Ha, nur alle zehn Minuten! Und das Vormittags an einem regulären Wochentag. Wir bretzeln also ordentlich einen auf, bevor wir wieder ans Tageslicht kommen. Strike! So kann’s weitergehen. Also wieder rauf aufs Bike und wieder quer durch die Stadt. Ein paar Stunden später komme ich nach circa 45 Kilometern Fahrradfahrt, einigen angesprühten U-Bahnen und vielen guten sozialen Kontakten nach Hause. Ich bin fix und fertig und lege mich in die Badewanne, um den ersten Tag der Grundrechtsfreiheitseinschränkungen gebührlich abzuschließen.

Dabei gehen mir die letzten Tage durch den Kopf. Was ist eigentlich los in dieser Stadt? Was ist mit der Öffentlichkeit passiert? Mit dem Gemeinsamen, dem Austausch? Ist die Gefahr für die Gesellschaft so groß, dass man die Gesellschaft der Gefahr der Nicht-Existenz aussetzt? Freitagabends spazierte ich auf dem Weg zu einer anderen U-Bahnaction durch Neukölln. Die sonst so pulsierenden Straßen waren menschenleer. Alle konsumierbaren Orte des Vergnügens sind zu, klar, aber trotzdem kann man doch draußen aktiv sein. Nach einem Tag alleine oder in Online-Meetings, kann ich es kaum erwarten, Freund_innen zu treffen, mich auszutauschen und ein kleines gemeinsames Abenteuer zu erleben. Nach dem Sprayen in Neukölln laufen wir zurück Richtung Kreuzberg. Auf der Sonnenallee hat noch ein Späti offen. Die Tür ist abgeschlossen und man muss klopfen, um in dieses verrauchte Überbleibsel des vergnügungssüchtigen Berlins zu kommen. Während wir unseren Spaziergang fortsetzen, machen wir uns die gespenstische Atmosphäre bewusst. Die Straßen sind wie ausgestorben. Andere Fußgänger begegnen uns kaum. Vereinzelt sind Autos unterwegs, wovon etliche Bullenkarren sind. Einzig in den U-Bahnstationen der Acht herrscht noch Hochbetrieb. Der Suchtdruck und fehlende Rückzugsräume verhindern das Verschwinden der Druguser_innen. Im Gegensatz zu uns werden diese mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Wo soll man betteln, klauen, Zeitungen verkaufen oder umsonst Essen bekommen, wenn das öffentliche Leben zum Erliegen kommt?

So wie ihnen wird mir, einige Tage später, klar dass nun jeder Supermarkt eine Person am Eingang hat, die darüber wacht, wieviele Menschen im Laden sind, und dass man Einkaufswägen benutzt. Ich stehe also zunächst im Laden und frage mich, wie ich denn mit meiner vollen Tasche wie gewohnt zum Eingang herausspazieren soll? Also bin ich wieder raus. Auf meinen Wegen durch die Stadt habe ich dann verschiedene Supermärkte abgescannt und bei schönem Wetter ergaben sich schließlich einige gute Möglichkeiten. Mit dem erbeuteten Zeug haben wir ein exquisites Abendessen veranstaltet. Neben der Charcuterie hat die Käseplatte Gaumenfreuden bereitet. Ein gealterter Blue Stilton und ein französischer Trüffelweichkäse waren das Leckerste der letzten Wochen.

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Und so geht es seit dem beschriebenen Montag weiter. Neben meiner Arbeit im Homeoffice bin ich mit meinen Freund_innen in der Stadt unterwegs und wir bemalen tagsüber die unzähligen abgestellten Bahnen. Offensichtlich hat die „BVG“ ihr Sicherheitspersonal nicht erhöht… 

Doch auch wenn die Stadt neue Möglichkeiten bietet, stellt sich bei mir immer wieder ein Unwohlsein ein, wenn ich auf der Straße unterwegs bin. Was sage ich, wenn ich angehalten werden? Weder bin ich hier gemeldet, noch will ich der Polizei offenbaren, wo ich wohne. Aber jetzt, wo man irgendwie einen Grund haben soll, um unterwegs zu sein, macht mich die hohe Polizeipräsenz nervös. Die vielen herumfahrenden Wannen geben mir das Gefühl in einer irgendwie besetzten Stadt zu leben. Für Menschen ohne Aufenthaltstitel oder Menschen mit offenem Haftbefehl oder anderen Einschränkungen fühlt sich diese Zeit bestimmt ganz anders unangenehm an.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf fangen wir an die Kampagne #leavenoonebehind zu unterstützen und den Slogan groß und lesbar in der Stadt zu verbreiten. Während sich hier viele um sich selbst sorgen, – ein paar Bekannte haben sich mit ihrer Kleinfamilie aufs Land zurückgezogen – leiden viele Menschen auf der Welt noch mehr unter den gesellschaftlichen Machtbeziehungen und den konkreten Auswirkungen der weltweiten Krisensituation.

Während ich jeden Tag mit Arbeit, Spaß und Aktionen ausfülle, lamentiert mein Mitbewohner darüber, wie langweilig ihm doch wäre. Er muss nicht mehr arbeiten und Orte wie Bars und Clubs, die ihn unterhalten, sind geschlossen. Ihm fällt scheinbar nicht viel ein, wie er seinen geschenkten Freiraum ohne Lohnarbeit füllen soll. Während ich so viele Pläne und Projekte im Kopf habe, dass ich jeden Tag mehrfach füllen könnte, fließen seine Stunden zäh dahin. Als wir abends in der Küche sitzen und einen kleinen Siebdruck designen, kann ich nicht anders als den situationistischen Klassiker Fantasie an die Macht! groß auf das Blatt zu schreiben! 

Auch mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens und mit gewisser Vorsicht (vor dem Virus) müssen wir uns unsere Handlungsmöglichkeiten verdeutlichen. Der Raum für die Fantasie ist jetzt riesengroß.