Wir hatten uns mit Yvonne in der Vorstadt von Kapstadt Hout Bay nahe bei dem Haus verabredet, in dem sie als Dienstmädchen eine Arbeit gefunden hatte. Trotz des geringen Lohns schätzte sie sich glücklich. Sie war eine „San“, eine sogenannte „Farbige“ und stammte von den Ureinwohnern der Region ab. Schwarze und Farbige haben es auch geringem Lohn schwer, in Südafrika eine Beschäftigung zu finden. Sie leiden auch heute noch unter der fortwährenden Apartheit, an der ANC-Regierungen nichts geändert haben. Der damit verbundene Rassismus wurde uns drastisch vorgeführt, als wir uns mit Yvonne auf eine Besichtigungstour zum Hafen hinunter und an einen nahe gelegenen Berg machten, auf der sie uns die Stationen und Umstände ihrer Vertreibung zeigte. Auf dem Weg hielten immer wieder von weißen gefahrene Autos an, deren weiße Fahrer*innen uns, die beiden Freund*innen von Yvonne, fragten, ob sie uns mitnehmen könnten. Nicht etwa Yvonne. Denn die Regel lautet: die Schwarzen gehen zu Fuß, die Weißen fahren und werden von den Weißen auch nicht zum Mitfahren eingeladen. Unsere Weigerung traf auf Verwunderung und sichtbares Missfallen. Dieses Missfallen zeigten allerdings nicht die am Straßenrand stehenden schwarzen und farbigen Arbeitssuchenden Tagelöhner. Eher Freundlichkeit, vor allem, wenn sie unsere Weigerung beobachtet hatten. 

Yvonne gehörte einer kleineren Gruppe von Farbigen an, die in einem besetzten Haus wohnten und zusammen kämpften. Sie waren mit der großen Organisation „Abahlali Base Mjondolo“ verbunden, in der Bewohner von Townships ihre Kämpfe in der Region Western Cape organisieren (dazu in einem gesonderten Beitrag). 

Yvonne zeigte uns auf dem gemeinsamen Spaziergang die Stationen ihrer Vertreibung. Zu Beginn zeigte sie uns das Grundstück, auf dem das Häuschen gestanden hatte, in dem sie mit ihrer Familie gewohnt hatte. Das war zu Ende, als sie einen Brief der Stadtverwaltung erhielten, wonach das Häuschen auf unsicherem Sandgrund, der ein weiteres Wohnen dort unmöglich machen würde. Von irgendwelchen Risiken hatte sie bisher nichts wahrgenommen, aber sie mussten alle ausziehen und alle Häuser wurden geräumt, „zum Schutz“ der Anwohner*innen. Umso überraschter waren sie als nach der Beseitigung des Häuschens dort ein staatliches Haus für wohlhabende Leute gebaut wurde. Hout Bay entwickelte sich zur Wohngegend für die besseren Kreise. Es gelang ihnen, ein Grundstück zu finden, auf dem sie erneut ein Häuschen bauten. Aber die besseren Kreise schienen unersättlich. Nach einiger Zeit erhielten sie mit derselben Begründung eine Aufforderung, das neue Häuschen zu verlassen. Wieder mit dem Ergebnis, dass sie dort alsbald ein neues, schöneres Haus in Augenschein nehmen konnten.

Nach dieser erneuten Vertreibung konnte die Familie nichts Neues finden und Yvonne selbst musste sich ebenfalls eine neue Bleibe suchen. Mit Freunden besetzte sie eine Behausung auf halber Höhe eines angrenzenden Berges. Von dort aus machte sie mit Freund*innen Politik im Zusammenhang mit den Aktivitäten von Abahlali Base Mjondolo.