Bei dem Wort „Angriffswellen“ wird so mache(r) sicher erst einmal stutzig. Zu sehr haben die gängigen Darstellungen die „Gentrifizierung“ zu einer Art natürwüchsigem Geschehen verharmlost. Zu einem sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel infolge einer Attraktivitätssteigerung zugunsten von neuen Mittelschichten, die mehr Geld für Miete und Eigentum aufbringen können, als die bisherigen Bewohner. Die ersteren zögen zu, die letzteren wanderten ab. Die Gründe für die Änderung der Wohlstandsverteilung und der Attraktivität bleiben dabei letztlich im Nebel. Aber: woher kommt der neue Reichtum und warum zieht es die begüterten Schichten nicht mehr in die Vororte? Und schon scheint das Feld für die wissenschaftliche Forschung durch Wirtschaftswissenschaft und Stadtsoziologie eröffnet, die Strategien der Herrschenden zur Gestaltung des „Wissens“. Bestenfalls hören wir noch etwas über Veränderungen der sozialen und räumlichen Organisation der Arbeit oder den Wandel von der industriellen zur „postindustriellen“ Gesellschaft, in der die Leistungsträger der Wissens- und Informationstechnologien als „kreative Klasse“ sich mit geändertem Verdienst, Konsumverhalten, Lebensstil und Status in den Vordergrund spielen und politisch gefördert werden. Woher aber kommt das nun?

Einen Hinweis gibt ein Blick auf das offenbare weltweite Gefälle in der Intensität der Gentrifizierung. Am heftigsten sind die Prozesse in der Bay Area um San Francisco als Ausdruck der von Silicon Valley angestoßenen Veränderungen (dazu in einem gesonderten Beitrag), am schwächsten in den noch von der alten Industriestruktur des 20. Jahrhunderts geprägten Städten, wie in den USA etwa Baltimore oder Philadelphia. Aber das ist mit dem Methodenbesteck der bürgerlich-wissenschaftlichen Disziplinen wie Stadtsoziologie oder Ökonomie nicht zu erklären. Es ist die Manifestation eines umfassenden technologischen Angriffs, einer Innovationsoffensive, die in alle Bereiche der Gesellschaft reicht und alle ihre Dimensionen erfasst.

In aller Deutlichkeit trat das zutage in den 1990er Jahren. Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve („Fed“) unter ihrem Vorsitzenden Alan Greenspan registrierte eine Steigerung der Produktivität auf dem Gebiet der neuen Informationstechnologien und infolge ihres Einsatzes in den alten Industrien. Greenspan begriff sie als Quelle einer neuen epochalen Welle „schöpferischer Zerstörung“, wie es vor hundert Jahren der Taylorismus gewesen war. Das hieß Zerstörung der alten produktiven und gesellschaftlichen Strukturen und Schöpfung von neuen. Es hieß: Zerstörung der alten Jobs, der alten Qualifikationen, insgesamt der alten Lebens- und Arbeitswelt und die Ersetzung der alten Eliten durch neue unter Schaffung von neuem Reichtums und neuer Armut der „loser“, der Verlierer aus den alten Jobs.1 Der Fed propagierte diese Offensive öffentlich und befeuerte sie mit der Entfesselung gewaltiger Finanzströme. Daß Silicon Valley der Kraft- und Machtkern der weltweiten Offensive werden würde, war erkennbar und gewollt. Weltweit wurden Gewinn- und Lohnsteigerungen von dieser Offensive angestoßen. Nicht nur in den neuen Tech-Industrien, sondern auch in den Anwenderindustrien und bei den Zulieferern. Die Avantgarden und beruflichen Frontformationen, vor allem ihre „Creative Class“ ließen die alten bürgerlichen Gewohnheiten, sich in den Villen der Außenbezirke niederzulassen, hinter sich. Sie suchten die Lebendigkeit der Innenstädte mit ihren kulturellen und Vergnügungsangeboten, geleitet von dem Spürsinn der Künstler*innen, Student*innen, Teilhabern der Start-up-Szenerie und dergleichen. Hier setzte die Politik ein, die das alles zu fördern trachtete. Das umreißt die Kräfte der Gentrifizierungsdynamik: die Loser, die nunmehr relativen Geringverdiener werden von den neuen Gewinnern, die die Mieten nach oben treiben, aus den angesagten Vierteln vertrieben, mit einem komplexen Arsenal der Gewalt, von denen die Mittel der Gerichtsvollzieher noch die harmlosesten sind. Doch dazu unten.

Zur Vorgeschichte dieser Gentrifizierungswelle gehört eine frühere Welle, die mit dem Umbruch zur monetaristischen Offensive im Jahre 1979 lanciert wurde. Die Ära fordistischer Unterwerfung im 20. Jahrhundert war in den 60er Jahren in die Krise geraten (vgl. Beitrag über fordistische Stadtplanung). Während dieser Zeit setzte bereits die informationstechnologische Innovationsoffensive ein.2 Die Krise drückte sich in der Stagnation der Investitionen auf dem Feld der alten Investitionen aus. Zugleich wurden die den Unternehmen durch Streiks abgezwungenen Lohnerhöhungen und kompensatorischen Sozial- und Bildungsprogramme mit einer Inflation beantwortet, die sich ständig steigerte. 1979 leitete die „Fed“ unter Paul Volcker zu ihrer Reduzierung einen monetaristischen Schock im Wege einer drastischen Geldmengenverknappung ein. Er beendete das fordistisch/keynesianische Zeitalter auch von der Kapitalseite her. Während die informationstechnologische Innovationsoffensive fortgesetzt wurde, wandte sich das Anlage suchende Kapital verstärkt den Vermögenswerten, vor allem den Immobilien in den Innenstädten zu, deren Attraktivität für Yuppies, Künstler, Studenten offenbar wurde. Die in der Folge steigenden Mieten setzte einen Gentrifizierungs-, besser Vertreibungsprozess in Gang. 

Unter der Überschrift „Von der Integration zur Aussonderung“ hat die Zeitschrift „Autonomie“ 1980 die Beseitigung der alten Bewohnerschaft mit dem Abbruch des Fordismus behandelt, der ja grundsätzlich auf Integration aller unter seinem Kommando abgezielt hatte.3 In den USA sorgte auch die (auch auf Deutschland allmählich übertragene) Politik der Deregulierung und Reduzierung der Sozialausgaben für die Zunahme des Vertreibungsdrucks, desgleichen die kostspieligen Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität der Innenstädte. Zugleich wuchsen die auch öffentlich und handelspolitisch (Plaza-Abkommen) geförderten IT-Industrien und mit ihnen neuer zahlungskräftige Mittelschichten und schufen so die Voraussetzungen für die oben skizzierte Politik der „Fed“.

Der von ihr verstärkte Schock „schöpferischer Zerstörung“ verbreiterte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit kaskadenartig über den gesamten Globus. Überall sorgt sie für neue Gewinner und Verlierer und ihrer Vertreibung aus den „angesagten“ innenstädtischen Vierteln. Gegen alle Lippenbekenntnisse fördert die Politik dies und den damit verbundenen Austausch der der Bevölkerung, schon, um im Wettbewerb der Städte um die finanzkräftigen und steuerträchtigen „high potentials“ nicht zurückzubleiben. Dieser technologische Angriff machte „Gentrifizierung“ zu einem Geschehen des sozialen Kriegs. „Gentrification war“ in San Francisco, Gentrifizierungskrieg also, so nannte der der englische „Guardian“ in seiner Ausgabe vom 22. Juli 2016 denn auch konsequent diese Schockoffensive. 

Die marktökonomischen und stadtsoziologischen Verharmlosungen leisten dieser Politik der Gewalt gute Dienste, wenn sie deren Ursprung im technologischen Angriff und seiner verallgemeinerten Innovationsoffensive unterschlagen. Sie lenken davon ab, dass nur ein breiter, ihre Einsatzfelder übergreifender Widerstand in der Lage sein kann, ihren Strategien eine ausreichende Gegenmacht entgegenzusetzen, die auch die Welle der Gentrifizierung brechen kann. Der Kampf gegen den Google Campus in Berlin hat diese Einsicht gut zum Ausdruck gebracht.

1 Capulcu Redaktionskollektiv, DISRUPT !, Münster 2017, S. 11 ; D. Hartmann, Krisen, Kämpfe, Kriege, Bd 1. Greenspans endloser Tsunami. Eine Angriffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht, S . 8o ff.

2 Vgl. Capulcu, Disrupt !, op. cit., S. 11; D. Hartmann, Krisen, Kämpfe, Kriege Bd 1, op. cit., S. 36 ff.

3 D. Hartmann, Von der Integration zur Aussonderung, Autonomie Neue Folge 3/80 S . 16, auch online www.autonomie-neue-folge.org