„Gentrification war“, so nannte der Londoner Guardian in seiner Ausgabe vom 22. Juli 1916 treffend den Gentrifizierungsangriff (s. dazu Beitrag über Gentrifizierung) aus Silicon Valley. Die Bay Area, d.h. San Francisco und Umgebung, ist globaler Vorreiter in der Entwicklung des Kampfs um die Stadt. Das liegt daran, dass Silicon Valley ihr innovativer Kern ist. Das „cluster“, die Zusammenballung der weltweit innovativsten Unternehmen auf dem Bebiet der neuen Technologien des Informationssektors. In ihm erbrüten sich die neuen Herren der Welt als Avantgarden der reichsten und mächtigsten Unternehmen der Welt mit einem Wert von je bis zu und über einer Billion (englisch, auf amerikanisch heißt das „trillion“) Dollar. Sie sind ausgestattet mit dem Selbstverständnis eines globalen Herrentums, mit gewaltigem Geldvermögen und stellen das Zentrum eines weit in die amerikanische, ja Weltgesellschaft reichenden Gefälles von Vermögen und Macht dar. Sie haben eine große Anzahl an Opfern geschaffen, mehr als die Unternehmen der alten Industrien und mehr als irgendeins der konkurrierenden Cluster. Kaum etwas charakterisiert ihr Verhältnis zu den Verlierern des technologischen Angriffs in San Francisco besser als der offene Brief eines in San Francisco wohnhaften start-up-Unternehmers aus dem Silicon Valley an den Bürgermeister der Stadt:, in dem er die Obdachlosen als „Gesindel“, als „Abschaum“ bezeichnete. „Ich sollte“, so schrieb er,, „das Leiden, die Mühsal und die Verzweiflung der Obdachlosen nic hat auf meinem Weg zur Arbeit jeden Tag ansehen müssen“. Sicher, es gab auf diesen Brief hin einen Sturm der Entrüstung. Aber er brachte die Einstellung der neuen Reichen auf den Punkt. Die Einstellung gegenüber dem neuen Elend, das sie selbst geschaffen hatten.

Das Elend war die bewusst einkalkulierte, ja die beabsichtigte Folge des technologischen Angriffs der neuen Technologien. Die amerikanische Zentralbank, die „Fed“, hatte ihn seit Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit Fluten von Geld unterfüttert und vorangetrieben1.Sie würde, so Fed-Vorsitzender Alan Greenspan, die alte Welt mit ihren auf die alten Industrien gegründeten Existenzgarantien im Wege einer epochalen „schöpferischen Zerstörung“ zertrümmern und neue soziale „loser“ schaffen. Und das nicht nur im amerikanischen, sondern weltweitem Maßstab. In den USA haben die alten eher homogenen Verhältnisse einem regionalen Gefälle Platz gemacht und die durch die neuen Technologien herbeigeführten Differenzen in der Produktivität haben in den Entwicklungsländern ganze Regionen ins Elend gedrängt.

In der Bay Area können die durch den technologischen Angriff geschaffenen neuen Reichen horrende Preise für Häuser und Wohnungen und jede Miete bezahlen. Es liegt in seiner Logik, dass sie dadurch die alten Bewohner vertreiben und in die Obdachlosigkeit schicken, bestenfalls in Gegenden mit noch tragbaren Mieten. Dort werden sie dann später vom Vertreibungsdruck erfasst, wie z.B. inzwischen sogar in Oakland, einer lange Zeit den weitgehend afro-amerikanischen Unterklassen vorbehaltenen Stadt. Was wir ungenau mit „Gentrifizierung“ bezeichnen und lediglich in den Ursachenzusammenhang eines eher natürwüchsigen Geschehens verweisen und dadurch die Notwendigkeit des eigenen Handelns wegschieben, ist der mitgewollte Ausdruck eines komplexen historischen Angriffs, in dem wie immer auch die private Profitorientierung ihre Rolle spielt.

Der mögliche Einwand, bei uns in Deutschland hätten wir derartige hochgrüsstete Cluster wie Silicon Valley nicht, zieht nicht. Ers6tens reichen sie inzwischen vielfach direkt in unsere Städte (Google-Campusse) und dienen als kommunalpolitische Orientierung. Wichtiger noch: Über die alten Verwertungsformen hinausgehende Wertressourcen und damit Geld und Reichtum verortet die ökonomische Theorie in den erweiterten Profitspielräumen aus neuen, innovativen Technologien. Was also in Berlin, Hamburg, München, Köln als neuer Reichtum seine aggressiv-vertreiberische Funktion sucht, entstammt – manchmal über mehrere Vermittlungsschritte – den neuen Technologien aus Silicon Valley.

Die Anzahl der Obdachlosen in der gesamten neun counties umfassenden Bay Area belief sich Anfang 2019 bei rund 6,8 Mio. Einwohnern auf 35 000, nach Beurteilung der Sozialarbeiter*innen eine sehr zurückhaltende Schätzung. Allein in San Francisco waren es an die 10 000, ebenso in Alameda County. Im Bundesstaat Kalifornien wurden über 130 000 Obdachlose gezählt, die höchste Anzahl unter den US-Bundesländern. Das waren 25% der Obdachlosen in den gesamten USA, bei nur 12% Anteil an der Gesamtbevölkerung. Dieses Verhältnis drückt auch das Ausmaß der Vertreibungsintensität und der zerstörerischen Wucht der in Silicon Valley zentrierten und von hier ausgehenden Innovationsoffensive aus. Einer lebensbedrohenden Offensive, denn die Lebens- und Überlebensbedingungen der Obdachlosigkeit sind außerordentlich schlecht. Wir wissen aus statistischen Erhebungen über den Zusammenhang zwischen neuer Armut und fallender Lebenserwartung. Die Berichte der Betroffenen und Sozialarbeiter*innen bringen steigende Todesraten viel direkter in den Zusammenhang mit dem produzierten Elend, den ungesunden, manchmal toxischen Lebensbedingungen und den vertreibungsbedingten Traumatisierungen und dem damit verbundenen Verfall des Immunstatus. Wenn sie geduldet werden, leben die Vertriebenen in Zelten, sonst schlafen sie in Parks und auf der Straße. Terrorisiert werden die Obdachlosen durch die Kriminalisierung ihrer Existenz. Das „Sit-Lie“-Gesetz verbietet bei Strafe das Sitzen und Liegen auf dem Boden. Auch das Kochen, Schlafen, Betteln, ja inzwischen auch das Zelten sind verboten. Morgens kommt die Stadt-Reinigung und vertreibt sie und macht sie so zu „Objekten“ einer permanenten Mobilisierung.

Widerstand gegen den Angriff

Der Widerstand gegen die Vertreibung ist vielfältig und variiert über die Zeit in seiner Intensität. Er richtet sich einmal gegen die Vertreiber direkt. Hier gab es, grob gesagt, zwei Phasen: die Zeit vor dem Platzen der dot-com-Blase im Jahre 2000 und danach. Bis 2000 konnte eine Initiative die Orientierung des Geschehens beanspruchen, weil sie die Wut an deutlichsten zum Ausdruck brachte: das „Mission Yuppie Eradication Project“ (MYEP), das „Projekt zum Ausjäten (oder auch „Ausrotten“) der Yuppies aus der Mission“. Die Mission war der lebens- und liebenswerte, vorrangig hauptsächlich von Latinos bewohnte zentral gelegene Stadtteil von San Francisco. Vor dem gewalttätigen Aufprall der Yuppies, wie die Techis genannt wurden. Die Mittel der Gegenwehr: Yuppie-Luxusautos Zertrümmern, Zerkratzen, fahrunfähig machen. Das Unbenutzbarmachen der von den „rich pigs“ frequntierten Luxusrestaurants meist von der Seite der Sanitäranlagen her (Klos). Und dergleichen mehr, „Phantasie an die Macht“, hieß es. Das in diese Ausgabe aufgenommene Plakat mit Handlungsrezepten war überall, auch im Netz, versehen mit der Botschaft: „Yuppies – get the fuck out of our neighborhood!“ Nachvollziehbar. Denn wer die Opfer der eigenen Untaten als „Abschaum“ behandelt, hat sich unzweifelhaft Wutschaum verdient. Das Plakat und die Gruppe sind auch nach ihrer heftigen Verfolgung und schließlichen Auflösung noch immer Kult, kann aus dem Netz gezogen werden. Es versieht, vor allem nach Parties zum Gedenken der Gruppe, seinen Dienst nach wie vor. Wenn es das weniger tut, dann weil – wie im unten beschriebenen Mapping Projekt- das Netz viel an Protest aufgesogen hat, was viele nicht zu Unrecht als Schwächung verstehen. Bis heute werden nachmodellierte bzw. fotografierte Köpfe von Unternehmensleitern auf Pfähle gespießt und ausgestellt. Wenn der Angriff von Personen verübt wird, ist die Antwort folgerichtig ebenso persönlich.

Der wichtige MYEP-Aktivist Kevin Keating verbalisierte die Projekt-„Philosophie“ so: „In Verlauf der letzten Jahre wurde die Mission“ von Schweinen mit Geld kolonisiert. Die Yuppie-Abschaum-Säcke sind aus ihren Löchern in der Union Street und den Vororten gekrochen, um uns unser Viertel wegzunehmen…Sie helfen den Eigentümern, die Mieten hochzutreiben und vertreiben arbeitende und arme Leute aus ihren Wohnungen…Diese Yuppie Übernahme kann rückgängig gemacht werden…Du musst Yuppie-Autos zerstören: BMWs – Porsches – Jaguars – Sport/Nutzfahrzeuge. Mach das Glas kaputt, zerkratze den Lack, Schlitz die Reifen und Polster auf, mach sie alle zu Müll. Wenn der Yuppie-Abschaum merkt, dass ihre kostbaren Autos nicht mehr sicher auf der Straße sind, verschwindet er und seine trendigen Restaurants, Bars, Restaurants uns Geschäfte gehen pleite…FANG JETZT GLEICH AN ! (MYEP). Keating sagte das nicht etwa als blinder, sondern ein als sehr reflektierter Aktivist. So beschwor er etwa die Notwendigkeit, diese Protestformen in andere Felder der sozialen Kämpfe zu verallgemeinern. Auch vermied er auffällig den Gebrauch des Begriffs „Gentrifizierung“, offenbar um sich nicht konzeptionell auf die Gegenseite zu begeben, wie es so oft bei uns geschieht. Ich vernute ferner, sein Outing als Leitfigur bezweckte den Schutz der anderen.

Es gab auch subtilere Mittel des Kampfs. So wurde ein Unternehmer, der Bewohner aus einem von ihm erworbenen Haus vertreiben wollte, über die von ihm frequentierte Schwulenbar attackiert. Dort wurde seine Absicht publik gemacht mit der Folge, dass er auf große Missbilligung stieß und von seinem Vorhaben Abstand nahm. Man kann das auf dem Hintergrund zumindest verbaler moralischer Einstellungen unter den Softwareentwicklern verstehen, wie sie etwa bei Google dazu führten, dass das Vorhaben einer Beteiligung an der Entwicklung von militärischen Killerautomaten zurückgenommen wurde.2 Google-Busse wurden – oft verbunden mit Straßentheater – von den Vertreibungsopfern und politischen Aktivisten blockiert und manchmal verunstaltet, ihre Passagiere wurden so als Missetäter quasi geoutet. . Diese Luxus-Busse stellte Google für den Transport ihrer wertvollen Mitarbeiter*innen von ihrem Wohnort zum Arbeitsplatz zur Verfügung. Der Zusammenhang zwischen den Bussen und Vertreibung war direkt: die ohnehin schon im Vertreibungskontext gesteigerten Mieten erhielten in der Umgebung der Haltestellen einen weiteren Schub. AirBnB wurde in der Bay Area – wie ja inzwischen weltweit – für die Verknappung von Wohnraum und damit die Vertreibungen verantwortlich gemacht: „Airbnb’ing our community“ hieß der Vorwurf. Auch der Kopf des AirBnB-Chefs Brian Chesky wurde auf einem Pfahl „gespiked“ und, ebenso wie Gäste auf Flugblättern namentlich an den Pranger gestellt. Sein Hauptquartier wurde besetzt, mit Sachschaden.

Auf den Gehwegen vor Vertreibungshäusern wurde verbreitet mit Hilfe von Schablonen der Text „Bewohner vertrieben“ aufgebracht. Vielfach wurden die mit der Vertreibung beauftragten Gerichtsvollziehen erfolgreich blockiert. Die Hinzuziehung der Polizei wäre oft möglich gewesen. Man verzichtete auf ihren Einsatz zu Zeiten, in denen landesweit die Wut der der schwarzen Bevölkerung besonders groß war, um nicht weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Auch in Hausbesetzungen brachte sich der Widerstand gegen Vertreibungen zum Ausdruck. So Ende 2019 in Oakland mit seinen über 4000 Obdachlosen (Steigerung um 47% allein in den letzten zwei Jahren), als vier Mütter mit Kindern ein seit längerem leerstehendes Haus eines fetten Investmentunternehmens besetzten. Eines von 4000 leerstehenden Häusern allein Oakland. Die Frauen, unterstützt von einer breiten Öffentlichkeit, machten sich Hoffnungen, weil das Gericht von der Erlaubnis einer sofortigen Räumung absah. Dennoch gab er schließlich die Erlaubnis, was die Polizei als Gelegenheit zur Räumung durch eine bis an die Zähne bewaffnete anti-riot-Einheit nahm.

Das Geflecht der Beziehungen zwischen der Betroffenen und Widerständigen ist kaum verlässlich zu beschreiben. Nach dem enormen Schock, mit dem der Kapitalismus die alte Gesellschaft liquidiert hat, verlieren deren aufgeherrschte sozialen Verhältnisse und Beziehungsmuster zunehmend an Gültigkeit und Macht. Das ist der historische Moment, in dem mein neues Selbstbewusstsein, eine neue Gesellschaftlichkeit von unten entsteht. Die Klassenvorstellungen der vergangenen Epoche haben ihre Bedeutung und Wirksamkeit verloren. In „Frontstädten“ der Entwicklung müsste sich erfahren lassen, was an ihre Stelle tritt. Allerdings nur von den Betroffenen selbst. Und das am besten, wenn man mitkämpft. Dann könnte man die Erkenntnisse in Beziehung setzen zu den in Kämpfen gemachten Erfahrungen in anderen Regionen der unmittelbaren oder mittelbaren Auseinandersetzung mit dem technologischen Angriff und seinen sozioökonomischen Folgen (vgl. dazu den Hydra-Kommentar zu den neuen Revolten in Nahost und Lateinamerika). 

Wir kennen nur Reflexe aus den Beziehungsgeflechten und der Zirkulation der Erfahrungen, wie sie aus einzelnen Aktivitäten und Aktionen herausleuchten, wie z.B. den Kommentaren zu der Besetzung in Oakland. Oder die zum Teil ergreifenden persönlichen Berichte der von Vertreibung betroffenen im Antivertreibungs-Stadtplan-Projekt“ (Anti-Eviction Mapping Project). Das Projekt wurde 2013 gegründet (wir haben darüber 1916 auf dem Kongress gegen den technologischen Angriff im Einzelnen mit einer Aktivistin aus Kalifornien berichtet, vgl. Anm 1) und enthält inzwischen hunderte von Berichten, wichtiger Lernstoff für zukünftige Auseinandersetzungen. 

Hüten sollte man sich allerdings vor soziologischen Verarbeitungen der Obdachlosigkeit, wie sie etwa das von Katja Schwaller herausgegebene Buch „Technopolis“ (Berlin 2019) enthält. Dort werden die Obdachlosen von einem sozialarbeiterisch orientierten Soziologen zu einem Objekt der Wissenschaft herabgewürdigt. Ja es wird ihnen sogar das wissentlich und willentlich herbeibeführte Leid noch als „Obdachlosenkrise“ in die Schuhe geschoben (in ausdrücklicher Analogie zur „Flüchtlingskrise“), während andererseits der von Silicon Valley ausgehende technologische Fortschritt – die Täter also – unverfroren im Leitbeitrag als Träger des technologischen Fortschritts bejubelt werden (vgl. Beitrag)

1 Capulcu, Hefte zur Förderung des Widerstands gegen den digitalen Zugriff, Bd. III, Disrupt ! Widerstand gegen den technologischen Angriff, S. 5 ff. Auch unter www.capulcu.blackblogs.org . Zu den Auseinandersetzungen auch „Menschen gegen Technocluster“, in „Leben ist kein Algorithmus“, www.bigdata.blacklblogs.org und www.capulcu.blackblogs.org , S. 23. Vgl auch D. Hartmann, Krisen, Kämpfe, Kriege. Bd 1, Alan Greenspans endloser „tsunami“, eine Angreiffswelle zur Erneuerung kapitalistischer Macht, Berlin, Hamburg 2015, S. 80 ff.

2 Dazu „Der technologisch-militärische Angriff“ in: capulcu redaktionskollektiv, Delete, Münster 2019, S. 29.