Wir hätten das von Katja Schwaller herausgegebene Buch über „Technopolis“1 hier sicher übergehen können, würde es nicht die Bay Area um San Francisco behandeln und sich dabei ausdrücklich auf die Seite der Vertreiber, der Gewalttäter stellen. Denn Angel- und Ausgangspunkt der Darstellungen ist eine offene und ausdrückliche Identifikation mit dem technologischen Aggressor. Schwaller stellt sie durch den Mund des von ihr mit dem Leitbeitrag (Tech-City: Jenseits des Silicon-Valley-Mythos) betrauten Richard Walker im Buch unmissverständlich an den Anfang, gewissermaßen als leitendes Vorverständnis.: „Der Kapitalismus hat die Macht der Wissenschaft, des Engineering und der Industrie seit Beginn der Moderne zu nutzen gewusst, und die daraus resultierende permanente industrielle Revolution hat die Welt grundlegend verändert. Die Wunder der Elektronik von heute sind Zeugen des anhaltenden Triumphzugs des technischen Fortschritts, der letzte Abschnitt einer langen Serie an epochalen Fortschritten in der menschlichen Kapazität, die Natur verstehen, manipulieren und kontrollieren zu können.“ (S.40). Nicht einmal die Rosaluxe, Süddeutsche oder FAZ würden sich zu derart ungeschmälerter Propaganda versteigen. Es ist egal, dass Walker ein universitärer no-account ist. Entscheidend ist, wozu Schwaller ihn braucht.

Das Buch leidet über diese Propaganda hinaus sehr darunter, dass es sich keinem verbindlichen methodischen Ansatz verpflichtet fühlt. Es herrscht eine gewisse Beliebigkeit bürgerlicher Wissenschaftlichkeit – da tummeln sich nur Soziologen, Urbanisten und dergleichen, die betroffenen (Obdachlosen) werden erst garnicht gefragt. Selbst ein Blick auf den Marxisten Brenner hätte die Absurdität von Schulmans Behauptung, „Revolutionen“ (was immer sie dafür hält) entstünden in der Stadt, deutlich gemacht. Erst die methodologische Libertinage eröffnet der prägenden Einwirkung von Schwaller/Walkers Fortschrittssuhle die Tore. Im Folgenden nur ein paar Bemerkungen vorbehaltlich einer gründlicheren Analyse.

Schwaller bemüht sich, das Buch im Dienste des Fortschritts dadurch zu frisieren, dass sie jede radikalere Ausdrucksweise vermeidet und die Radikalität der technologisch/kapitalistischen Wirklichkeit systematisch abschwächt, gar unterdrückt. Das geht gleich mit der Einleitung los. Sie sagt, dass die Fabelwesen der Unicorns nicht mit den Stadtbewohner*innen kompatibel koexistieren können. So verlassen (auf S. 7, et passim) diese aufgrund der Mietpreise die Region. Verlassen ? Sie werden vertrieben und versuchen, sich in ihrer Heimat festzukrallen. In Abschwächung dieses Sachverhalts übersetzt Schwaller systematisch (sie hat die meisten Übersetzungen gefertigt) „evict“, „eviction“ mit dem weit neutraleren bis Natürwüchsigkeit suggerierenden „verdrängen“. Schon das online-Wörterbuch „leo“ führt „verdrängen“ nicht unter den Übersetzungsmöglichkeiten auf und übersetzt andererseits „verdrängen“ mit „displace“, „supplant“ etc. „To evict“ heißt schlicht und brutal „hinauswerfen“, „vertreiben“, ein aktives verletzendes Handeln. Auf S. 8 werden diese Vertriebenen sogar zu „Argonaut*innen“ umetikettiert. Argonauten waren in der griechischen Mythologie Abenteuerer auf der Suche nach dem Reichtum und Gesundheit versprechenden „goldenen Vlies“. Um im Bild zu bleiben: Die Betroffenen verlassen SF, um Abenteuer und Reichtum zu suchen. Harter Tobak.

In ähnlicher Weise neutralisiert Schwaller die aggressiven neuen high-tech-Rausschmeißereliten zu „Zuzüglern“ (S.17, 90, passim). Diese heißen – durchaus zu Schwallers Kenntnis – auf der nach oben offenen Bloßstellungsskala – bei den Aktivist*innen im Minimum „unsettlers“, ein anderes Wort für „Vertreiber“, „Rausschmeißer“. Google-Busse sind gegen Schwaller kein „Symbol“ (S. 6), sondern Kampfmittel gegen die Unterklassen und stehen daher für weit Aggressiveres, als nur für die „Privatisierung“ und „Kommodifizierung“ (S. 12).“Redlining“ „Blockbusting“ „Urban renewal“ S. 13/14 waren keine “strukturellen Bedingungen“, sondern Angriffe. Das gilt auch für den neuen „Raum“, der nicht etwa nur „diskursiv“ (S. 15/16) geschaffen wird. Die „Warnsignale“ aus SF wurden nicht in New York „erhört“ (S. 19). Vielmehr berichtet der Guardian, dass Wall Street den Gegendruck widerständisch bis resistenter Vertreibungsopfer genau verfolgt hat und in diesem Kontext auch das von der Bevölkerung abgelehnte Amazon vor die Tür gewiesen wurde. Das mag als Auswahl aus Schwallers manipulativen Frisierungsmitteln erst mal genügen.

Zum Thema der Obdachlosen (S. 130 ff) holt Schwaller einen Soziologen, seinem methodologischen Zuschnitt nach eigentlich einen soziologisch vorgebildeten Sozialarbeiter. Das ist wissenschaftlicher Herr*innengestus. Die Obdachlosen werden zum Objekt der „Wissenschaft“ gemacht, als Subjekt kommen sie nicht vor. Das gilt auch für ihre zur reinen Selbstschutzmaßnahme verkürzten Kooperationsformen (143). Dabei quillt die Medienberichterstattung über mit Berichten, ja Eigenerzählungen ihres Widerstands incl. Gemeinschaftlichkeit der Kämpfe. Nach diesen methodischen Voreinstellungen können die Obdachlosen dann als „Obdachlosenkrise“ (S. 145) nicht nur entsorgt, sondern als Krisenbringer auch noch mit der Schuld für eigenes Leiden belastet werden. 

All das bestimmt erkennbar Auswahl und Übersetzung. Daher das Folgende nur schlaglichtartig. Die Informationen aus Solnit (53 ff.) sind brauchbar, auch ihre Bezugnahme auf Anders Corr, die Bemerkungen über den Gentrifizierungsverlauf (67 ff.) auch. Dafür fehlt eine Periodisierung am historischen Scharnier der Reaganschen Wende in der Verschrottung der keynesianischen Defizitfinanzierung.

Mapping-Projekt von McElroy (71 ff.) ist ok, ich hab das frühe Stadium allerdings etwas militanter und „von unten“ orientiert gelesen. Allerdings würde ich für eine Rezension gern das Original in amerikanisch sehen.

Das Goldstück in dem Buch ist der Beitrag von Adriana Camarena „Take this Hammer…“.Sie gehört zu einer Gruppe, die sich auf die „Diggers“ der 68er Jahre zurückbezieht, an der man in SF damals wie heute nicht vorbeikommt. „Diggers“ waren – das weiß ich aus früheren Studien zum Hydra-Thema – im 17. Jahrhundert mit den Ranters, Shakers und Quakers, mechanics eine der der vielen puritanisch-sozialrevolutionären Gruppierungen, von denen einige Mitglieder später unter Cromwell in die Wende zur industriellen Revolution („mechanics“) hineingepresst/geladen wurden. Camarena nennt die rechtlichen Formen der Vertreibung die „legalisierte Barbarei des Rauswurfs“ (das sagte unsere Gruppe „Wohnraum für alle“ auch so). Sie behandelt die toten Obdachlosen, die mit der Behauptung einer Bedrohlichkeit auf der Straße erschossen wurden, als Opfer einer mörderischen Aggressivität aus der Eviction-Offensive. Bei Schwaller werden sie in anderem Kontext neutralisierend gemildert zu Opfern als „Nebenprodukte der Gentrifizierung“. (S. 136). Hier hätte Schwaller übrigens selbst Material zur Gemeinsamkeit des Kampfs mit Obdachlosen finden (S. 91, 93) und zum Ausgangspunkt einer Darstellung machen können, die ihnen ihren Subjektstatus lässt. Tut sie nicht.

Danach folgt eine absurde Erhöhung eines ganzen Stadtteils (East-Palo-Alto) zur Utopie durch eine dort gebürtige Stadtforscherin, die sich bezeichnenderweise über die „Einschränkung der Funktionsfähigkeit unserer Stadt“ durch die zunehmende Obdachlosigkeit beklagt (no comment, auch zu dieser Auswahl).

Der darauffolgende Beitrag Schwallers über Gamifizierung enthält brauchbare Formulierungen über ihre spielerische Disziplinierungsfunktion (S. 118), die sie zum Ausgangspunkt für eine Anerkennung des „technologischen Angriffs“ hätte machen können und müssen. Tut sie aber nicht. 

Die nun folgende, schon kommentierte Obdachlosenunterhaltung zweier (Schaller und Herring) „Wissenschaftler*innen“ über das Objekt „Obdachlose“ habe ich schon kommentiert. Nachzutragen bleibt Herrings (und auch Schwallers) Klage über die ungenügende Ausbildung der Polizei. Und die Klassifizierung der Obdachlosen „als eine Art „Wirtschaftsflüchtlinge“ (S.160) . Schon allein dieser Begriff spricht mehr Bände, als ich sie hier füllen könnte. 

Die Beiträge zu Oakland, Murales, Sanctuary City sind so weit ok, dass ich keine Lust habe, da in die Tiefe zu gehen.

Sarah Schulmans Artikel über die Stadt als revolutionärer Ort ist idealistisch weitgehend von ihrem Erleben eines kulturell-sexuellen Aufbruchs in den bunten, aber armen Stadtkernen geprägt, die sie mit dem trostlos gleichförmigen nichtstädtischen Leben in den Suburbs kontrastiert. In kulturalistischer Einäugigkeit sieht sie mangels irgendwelcher Vorstellungen zum Fordismus als System nicht, dass sie beide zusammengehören.

Der deutsche Beitrag über Google Campus ist im Großen und Ganzen korrekt. Der Autor scheint aber keine Vorstellung von seinem Charakter als Materialisierung des technologischen Angriffs zu haben. Das aber hätte ihm die Möglichkeit gegeben, die Phänomene einzuordnen, statt eine Stadtsoziologin zu fragen. Vor allem die aus Start-up-Kernen organisierte Metastasenbildung (London) hätte unter Behandlung ihrer spezifischen Energien als neuartige Form der Verbreitung des epochalen Angriffs gefasst und behandelt werden können. Ferner: die Auseinandersetzungen folgen nicht der Logik einer Konkurrenz von Alternativen und Zukunftsvorstellungen (223), sondern einer Logik des Angriffs in der Auseinandersetzung mit Widerständen. 

Die Wissenschaftslastigkeit von Schwallers Frisiersalon im Dienste des IT-Fortschritts sagt mir, dass es ihr wohl um die Förderung ihrer akademischen Karriere geht.

1 K. Schwaller, Technopolis – Urbane Kämpfe in der San Francisco Bay Area, Berlin, Hamburg, Zürich 2019.